Der Golembeschwörer #7
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Der Weg durch die weite Landschaft hatte sie weitergeführt, als sie erwartet hatten. Wiesen, Hügel und vereinzelte Baumgruppen bestimmten die Szenerie, als sich schließlich vor ihnen die Umrisse eines kleinen Dorfes abzeichneten. Doch etwas stimmte nicht. Bereits aus der Ferne konnten sie erkennen, dass es zu ruhig war. Keine Stimmen, kein geschäftiges Treiben. Es herrschte eine bedrückende Stille.
Als sie näherkamen, wurde der Eindruck noch merkwürdiger. Das Dorf war nicht verfallen oder zerstört. Im Gegenteil, es sah aus, als wäre es noch bewohnt. Die Fensterläden standen offen, Rauch stieg aus Kaminen auf, und auf einem kleinen Platz in der Mitte des Dorfes brannte ein Feuer. Doch niemand war zu sehen.
Feriks und Leina wechselten einen Blick.
„Das ist... seltsam“, murmelte Feriks. „Es sieht aus, als wäre hier gerade noch jemand gewesen.“
Leina nickte und trat vorsichtig näher an eines der Häuser. Sie legte eine Hand an die hölzerne Tür und schob sie langsam auf. Der Raum dahinter war einfach, aber gemütlich eingerichtet. Auf einem Tisch stand ein halbleeres Mahl – Brot, Käse und ein dampfender Eintopf. Die Stühle waren zurückgeschoben, als hätte gerade jemand dort gesessen.
„Siehst du das?“ fragte Feriks. „Das Essen ist noch warm.“
„Ja...“ Leina trat einen Schritt weiter hinein und betrachtete die Umgebung genauer. „Das ist nicht normal. Niemand verlässt eine Mahlzeit so plötzlich.“
Feriks untersuchte derweil eine andere Ecke des Raums und zog nachdenklich die Stirn kraus. „Das ist fast so, als wären sie... einfach verschwunden.“
Leina runzelte die Stirn und verließ das Haus wieder. Draußen betrachtete sie die Umgebung mit einem kritischen Blick. Überall das gleiche Bild. Werkzeuge lagen am Boden, als wären sie aus der Hand gefallen. Ein halbgespaltener Holzscheit steckte noch im Holzblock, die Axt daneben. Tiere standen in ihren Gehegen, scheinbar unbeeindruckt vom plötzlichen Verschwinden ihrer Besitzer.
„Es gibt keine Anzeichen für einen Angriff“, stellte sie fest. „Keine Verwüstung, kein Blut... sie wurden nicht angegriffen.“
„Aber was ist dann passiert?“ Feriks kratzte sich am Kopf. „Sie können doch nicht einfach in Luft aufgegangen sein?“
Leina warf ihm einen nachdenklichen Blick zu. „Es gibt... mächtige Magie, die so etwas bewirken kann.“
„Du meinst, sie wurden fortgezaubert?“
„Vielleicht. Aber ich habe keine Beweise. Ich kann nur ahnen, dass hier eine Art magisches Ereignis stattgefunden hat.“
Feriks ließ den Blick über das verlassene Dorf schweifen. Er fühlte sich unwohl. Es war unnatürlich, in einem so lebendig wirkenden Ort keine Menschenseele zu finden.
„Was auch immer geschehen ist, es ist nicht unser Problem“, meinte er schließlich. „Aber... ich brauche Wasser. Und Essen. Falls sie zurückkommen, kann ich es ihnen später zurückgeben.“
Leina zögerte. „Ich halte nichts davon, Besitz von anderen zu nehmen.“
„Wir müssen uns versorgen. Ich werde nichts mitnehmen, was wir nicht brauchen.“
Sie seufzte leise. „Gut... aber beeilen wir uns. Dieser Ort macht mir ein ungutes Gefühl.“
Gemeinsam durchsuchten sie die Häuser nach dem Nötigsten. Feriks fand eine Wasserquelle hinter einem der Häuser und füllte seine Flasche. Er nahm auch ein Stück Brot und etwas getrocknetes Fleisch. Leina hingegen nahm nichts – sie brauchte keine Nahrung, nur magische Energie.
Als sie alles beisammen hatten, traten sie wieder auf den Dorfplatz hinaus. Feriks sah sich ein letztes Mal um.
„Wir sollten weiterziehen. Ich habe keine Ahnung, was hier passiert ist, aber ich will nicht warten, bis es uns auch passiert.“
Leina nickte zustimmend. Mit einem letzten Blick auf das verlassene Dorf wandten sie sich wieder der Straße zu und setzten ihren Weg fort.
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