Der Golembeschwörer #06
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Feriks und Leina wanderten durch die offene Landschaft, die sich vor ihnen erstreckte. Der Himmel war in ein tiefes Blau getaucht, vereinzelte Wolken zogen träge dahin. Die Sonne stand hoch und warf warme Strahlen auf die grünen Wiesen, die sanft im Wind wogten. Vögel zwitscherten in den Bäumen, und gelegentlich huschte ein kleines Tier durch das hohe Gras.
Die beiden hatten bislang wenig Gelegenheit gehabt, miteinander zu sprechen. Ihre Reise hatte sie aus den dunklen Tiefen des Dungeons geführt, hinaus in diese weite, offene Welt. Nun, da sie in Sicherheit waren, hatte Feriks endlich Zeit, Fragen zu stellen, die ihm schon länger auf der Zunge lagen.
"Leina, kann ich dich etwas fragen?" begann er, während sie nebeneinanderher gingen. Sein Blick ruhte auf ihr, doch sie schaute weiterhin nach vorn.
"Natürlich," erwiderte sie ruhig.
"Du bist eine Untote, nicht wahr? Warum isst du dann kein Fleisch? Ich dachte, Untote ernähren sich von Lebenden oder zumindest von Fleisch."
Leina seufzte leise. "Ich bin kein gewöhnlicher Untoter. Ich brauche kein Fleisch, nur magische Energie, um meine Existenz aufrechtzuerhalten. Normale Untote, wie Zombies oder Ghule, sind von einem niedereren Fluch befallen, der sie in einen Zustand endlosen Hungers zwingt. Ich jedoch… bin anders."
Feriks runzelte die Stirn. "Was bedeutet das? Woher kommst du? Und was hast du da unten gemacht?"
Leina schwieg einen Moment, als ob sie ihre Gedanken sammeln musste. Dann begann sie langsam zu sprechen. "Ich war einst ein Mensch. Eine Priesterin des Lichts. Ich reiste mit einer Gruppe von Söldnern oder auch Abenteurern in die dunklen Hallen des Dungeons. Wir hatten einen Auftrag, auch wenn ich mich nicht mehr genau erinnere, welcher es war. Es ist zu lange her..." Sie hielt kurz inne, als wären ihre Erinnerungen wie ein Nebel, durch den sie sich hindurchkämpfen musste.
"Wir wurden von etwas angegriffen. Etwas Böses, Mächtiges. Es hat uns alle getötet. Und dann... wurde ich wieder erweckt. Nicht als Mensch, sondern als Untote. Ich glaube, es war ein Dämon, der mich verfluchte. Vielleicht etwas anderes. Ich weiß es nicht. Zu lange ist es her."
Feriks hörte aufmerksam zu, während sie weitergingen. Der Wind strich sanft durch die Wiese, und in der Ferne konnten sie eine kleine Herde Rehe erkennen, die zwischen den Bäumen grasten. Ein wunderschönes Bild, das so gar nicht zu den dunklen Erinnerungen passte, die Leina gerade teilte.
"Wie hast du dich von diesem Fluch befreit?" fragte Feriks schließlich.
Leina sah in den Himmel. "Ich weiß es nicht genau. Ich streifte lange umher, ohne Ziel, gefangen in einem Dasein zwischen Leben und Tod. Doch irgendwann... kehrte das Licht zu mir zurück. Vielleicht war es mein Gott, der mir half. Vielleicht war es meine eigene Willenskraft. Ich spürte, wie die Dunkelheit sich löste und meine Seele wieder klar wurde. Doch mein Körper... blieb, was er war."
Feriks nickte langsam. "Das erklärt einiges."
Eine Weile schwiegen sie und lauschten den Geräuschen der Natur um sie herum. Eine Gruppe Vögel flatterte aus den Bäumen auf, und weiter entfernt konnte man das entfernte Heulen eines Wolfes vernehmen. Doch es war nicht bedrohlich, nur ein weiteres Zeichen dafür, dass die Wildnis lebte.
Schließlich fragte Feriks weiter: "Und... hast du jemals versucht, ein normales Leben zu führen?"
Leina lachte leise, doch es klang bitter. "Ein normales Leben? Mit diesem Körper? Ich kann mich unter Menschen nicht ohne Weiteres bewegen. Sie würden mich als Monster ansehen, mich jagen oder vertreiben. Selbst wenn ich ihre Sprache spreche, ihre Kultur verstehe... ich bin und bleibe eine Untote."
Feriks sah sie nachdenklich an. "Vielleicht gibt es doch einen Weg, wie du unter ihnen leben kannst. Zum Beispiel mit dem Illusionszauber, den wir gefunden haben."
Leina schien darüber nachzudenken, sagte aber nichts weiter dazu. Stattdessen fragte sie: "Und du, Feriks? Woher kommst du? Wer bist du eigentlich?"
Er zögerte. "Das ist eine gute Frage. Ich weiß es nicht. Ich bin einfach... hier aufgewacht. Ohne Erinnerungen, ohne Wissen über meine Vergangenheit. Alles, was ich habe, sind Fragmente, Gefühle, Instinkte."
Leina betrachtete ihn einen Moment, dann nickte sie. "Dann suchen wir gemeinsam nach Antworten. Vielleicht führt uns dieser Weg nicht nur zu einer Siedlung, sondern auch zu deinen Erinnerungen."
Feriks lächelte leicht. "Vielleicht."
Und so setzten sie ihren Weg fort, durch die weite, endlose Landschaft, während die Sonne langsam Richtung Horizont wanderte und der Tag sich dem Abend entgegenneigte.
nächster Teil: https://derwanderndemagier.blogspot.com/2025/10/der-golembeschworer-7.html
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