Der Golembeschwörer #5

Vorheriger Teil: https://derwanderndemagier.blogspot.com/2025/10/der-golembeschworer-4.html


 Feriks und Leina standen keuchend in der Mitte der riesigen Kammer, die von den Überresten ihres mächtigen Gegners gezeichnet war. Die Luft war noch immer schwer von der Magie, die während des Kampfes entfesselt worden war. Dann geschah es – ein magischer Kreis begann sich in leuchtenden Linien auf dem steinernen Boden zu formen.

Die Runen glühten in einem tiefen Blau, pulsierten in einer unregelmäßigen Sequenz und warfen geisterhafte Schatten an die rauen Höhlenwände. Feriks trat vorsichtig näher, während Leina mit zusammengekniffenen Augen die Inschriften betrachtete.

"Was ist das?" fragte Feriks schließlich, während er mit den Fingerspitzen die leuchtenden Linien berührte.

Leina überlegte einen Moment, dann sprach sie mit ernster Stimme: "Das ist ein Teleportationskreis. Doch ich weiß nicht, wohin er führt."

Feriks sah auf die dunklen Tunnel zurück, die hinter ihnen lagen. Tagelang hatten sie sich durch diese unheilvollen Höhlen gekämpft, ohne einen klaren Ausweg zu finden. Seine Entscheidung fiel schnell. "Egal wohin, es ist besser als hier."

Ohne zu zögern, stellte er sich in die Mitte des Kreises. Der Golem bewegte sich schwerfällig hinterher, und auch Leina folgte ihm nach kurzem Zögern. Die Runen begannen schneller zu pulsieren, das Leuchten wurde intensiver – dann wurden sie von einem hellen Strahl verschluckt.


Als sich das Licht verzog, fanden sie sich vor einem riesigen, steinernen Tor wieder. Die Luft war frisch und kühl, ein starker Kontrast zur stickigen, muffigen Atmosphäre des Dungeons. Vor ihnen ragte eine gewaltige Tür in den Himmel, kunstvoll verziert mit Symbolen, die Feriks nicht kannte. Ihre Oberfläche wirkte uralt, mit moosbewachsenen Fugen und Spuren der Zeit.

Der Golem trat vor und legte beide massiven Hände gegen die Tür. Ein tiefes Grollen ertönte, als er all seine Kraft einsetzte, um das Tor langsam aufzuschieben. Mit einem donnernden Echo schwang es schließlich auf – und vor ihnen offenbarte sich eine vollkommen andere Welt.


Der Himmel über ihnen war ein strahlendes Blau, mit sanften, weißen Wolken, die träge dahinzogen. Die Sonne tauchte die Landschaft in ein warmes Licht, ließ die Wiesen vor ihnen in sattem Grün erstrahlen. Sanfte Hügel erstreckten sich bis zum Horizont, durchzogen von plätschernden Bächen, die wie glitzernde Adern durch das Grasland flossen. In der Ferne ragten vereinzelt Bäume empor, deren Kronen sich träge im Wind wiegten. Ein angenehmer Duft von frischem Gras und Blüten lag in der Luft.

Feriks trat ein paar Schritte nach vorne und atmete tief durch. Nach all der Zeit in der Dunkelheit fühlte sich die Freiheit dieser Landschaft beinahe surreal an. Leina blieb hinter ihm stehen und betrachtete still den Himmel.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas noch einmal sehen würde…" murmelte sie leise.

Feriks drehte sich zu ihr um. "Wie lange warst du in diesen Höhlen?"

Leina zögerte. "Lange genug, um das Licht der Sonne zu vergessen."

Eine Weile standen sie einfach nur da, ließen den Anblick auf sich wirken. Doch so schön diese neue Welt auch war, eine neue Herausforderung stand bereits bevor.

„Wir brauchen eine Siedlung“, sagte Feriks schließlich. „Wir müssen herausfinden, wo wir sind und was als Nächstes zu tun ist. Aber…“ Sein Blick fiel auf Leina. Ihr untotes Erscheinungsbild würde sie sofort zur Zielscheibe machen. "Das könnte ein Problem werden."

Leina schnaubte trocken. "Ein Problem ist eine Untertreibung. Ich bin eine wandelnde Leiche, Feriks. Die Menschen werden mich entweder angreifen oder fliehen."

Feriks kratzte sich am Kinn und überlegte. "Lass uns erst mal losgehen. Vielleicht finden wir unterwegs eine Lösung. Irgendetwas wird uns schon einfallen."

Leina nickte langsam. Dann setzten sie sich in Bewegung, der Golem trottete wortlos hinter ihnen her.

Nachdem sie den Dungeon verlassen hatten, wanderten Feriks, Leina und der Golem durch die endlosen Wiesenlandschaften. Die Natur um sie herum wirkte beinahe surreal friedlich im Vergleich zu dem höllischen Dungeon, aus dem sie gerade erst entkommen waren. Die Grashalme wiegten sich sanft im Wind, und die Sonne schien durch kleine Lücken in den dichten, weißen Wolken hindurch. Ein schmaler Trampelpfad führte durch das hohe Gras, und in der Ferne erhoben sich sanfte Hügel, an deren Rändern dunkle Wälder wuchsen. Kleine Bäche schlängelten sich durch die Landschaft, und die klare Luft war erfüllt vom Zwitschern der Vögel.

Also setzten sie ihren Weg fort. Nach einigen Stunden des Wanderns entdeckten sie in der Nähe eines Hains eine alte Hütte. Sie war aus dunklem Holz gebaut, das bereits an vielen Stellen morsch war. Einige Fenster waren zerbrochen, und das Dach war teilweise eingestürzt, doch insgesamt schien die Hütte noch stabil genug, um Schutz zu bieten. Feriks und Leina näherten sich vorsichtig, während der Golem draußen Wache hielt.

Leina trat als Erste durch die knarrende Tür und ließ ihren Blick durch den staubigen Raum schweifen. „Das ist eine alte Hexenhütte…“ murmelte sie. „Ich kann es spüren. Hier wurde einst mächtige Magie gewirkt.“

„Vielleicht finden wir hier etwas Nützliches“, meinte Feriks hoffnungsvoll. „Etwas, das dir helfen kann, dich unter Menschen zu bewegen.“

Sie durchsuchten die Regale, kippten alte Truhen um und durchwühlten Kisten, bis Feriks schließlich auf ein dickes, in Leder gebundenes Buch stieß. Der Einband war mit seltsamen Symbolen versehen, die schwach glühten, als er es berührte. „Ein magischer Foliant… Ein Grimoire, genau wie meins.“

Leina trat näher und blickte mit gemischten Gefühlen auf das Buch. „Hexenmagie… Ich bin eine Priesterin, keine Magierin.“

„Priester nutzen auch Magie“, entgegnete Feriks schmunzelnd. „Und hier… sieh dir das an!“ Er blätterte durch die Seiten und hielt bei einem bestimmten Abschnitt inne. „Das ist ein Illusionszauber. Vielleicht kannst du damit dein Aussehen verändern.“

Leina zögerte. „Ich bin mir nicht sicher…“

„Wir sollten es zumindest versuchen. Wenn es funktioniert, kannst du dich problemlos unter Menschen mischen.“

Widerwillig stimmte Leina schließlich zu. Gemeinsam begannen sie, den Zauber zu studieren. Es dauerte einige Versuche, doch schließlich spürte Leina, wie sich eine magische Schicht um sie legte. Feriks beobachtete fasziniert, wie sich ihre Haut veränderte, ihre untoten Merkmale verschwammen und sie wie eine lebendige Frau aussah.

„Es hat geklappt!“ rief Feriks begeistert.

Leina betrachtete ihre Hände und war sichtlich überrascht. „Ich fühle mich… seltsam. Als wäre ich für einen Moment wieder lebendig.“

Feriks nahm das Grimoire an sich. „Ich behalte das Buch. Vielleicht finde ich noch mehr darin – nicht nur Zauber, sondern auch Hinweise darauf, wo wir eigentlich sind.“


nächster Teil: https://derwanderndemagier.blogspot.com/2025/10/der-golembeschworer-06.html

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Charakterdatenblatt Hanja

Wie sehen Elfen und Feen wirklich aus