Der Golembeschwörer #1
Teil 1 – Erwachen in der Dunkelheit
Ein dumpfes Dröhnen hallte durch seinen Schädel. Es fühlte sich an, als hätte er stundenlang geschlafen – oder vielleicht Tage. Sein Körper war schwer, seine Glieder wie aus Stein. Ein kalter, feuchter Geruch lag in der Luft, durchsetzt von einem seltsamen metallischen Beiklang.
Langsam öffnete Feriks die Augen.
Das erste, was er sah, war Dunkelheit. Doch nicht völlige Schwärze – schimmernde Lichtpunkte glommen an den Wänden, leuchtende Adern aus Kristall, die ein fahles, bläuliches Licht abgaben. Die Höhle war groß, der steinige Boden uneben, durchzogen von feinen Rissen, in denen Wasser sickerte.
Wo bin ich?<<
Sein Kopf fühlte sich benebelt an, als hätte jemand sein Gedächtnis mit einem Hammer bearbeitet. Doch er wusste noch, wer er war.
Mein Name ist Feriks Daitenshi.<<
Das war immerhin ein Anfang.
Langsam richtete er sich auf. Seine Kleidung war schlicht – ein dunkles Hemd, eine abgetragene Hose, feste Stiefel. Keine Taschen, kein Gepäck, kein Hinweis darauf, wie er hierhergekommen war.
Das hier… ist kein normaler Ort.<<
Er konnte es fühlen. Die leuchtenden Kristalle warfen flackernde Schatten an die Wände, während ein leises Tropfen von irgendwoher zu kommen schien. Der Klang hallte in der Höhle wider, wurde von den Wänden zurückgeworfen, als würde ihn etwas beobachten.
Er atmete tief durch und machte seinen ersten Schritt. Der Boden knirschte unter seinen Füßen.
Ein Gang erstreckte sich vor ihm, gewunden und von Stalagmiten gesäumt. Feriks wusste nicht, wohin er gehen sollte – aber er konnte nicht einfach hier stehen bleiben. Also folgte er dem schmalen Pfad, immer tiefer in das Höhlensystem hinein.
Nach wenigen Minuten veränderte sich die Luft. Ein süßlicher, fauliger Geruch drang in seine Nase, schwer und unangenehm. Seine Schritte wurden vorsichtiger.
Dann sah er es.
Gleich hinter der nächsten Biegung lag eine Gestalt am Boden.
Der Körper war reglos, gekrümmt, die Arme ausgestreckt. Es war ein Mensch – oder das, was von ihm übrig war. Die Haut war fahl, das Gesicht eingefallen. Die Kleidung war zerrissen, überall angetrocknetes Blut.
Verdammt…<<
Sein Magen zog sich zusammen. Er war kein Mediziner, aber eines war klar: Diese Person war schon eine ganze Weile tot.
Doch es war nicht der Zustand der Leiche, der ihn erstarren ließ – es war das Buch.
Ein großer, ledergebundener Foliant lag direkt neben der Leiche. Die Seiten waren vergilbt, das Cover verziert mit fremdartigen Symbolen. Ein Grimoire.
Feriks war schon immer fasziniert von Magie, auch wenn er es nie für mehr als eine Legende gehalten hatte. Doch irgendetwas an diesem Buch zog ihn an.
Langsam kniete er sich hin und streckte eine Hand danach aus.
Seine Finger berührten das kalte Leder.
Ein seltsames Kribbeln lief über seine Haut.
Feriks hielt das Buch einen Moment in den Händen, betrachtete die eingeritzten Symbole auf dem Einband und strich mit den Fingern über das raue Leder. Ein seltsames Gefühl durchlief ihn – als würde das Buch auf seine Berührung reagieren. Doch er hatte keine Zeit, sich näher damit zu beschäftigen. Er musste weiter. Mit einem leichten Zögern schob er das Buch unter seinen Arm und richtete sich wieder auf.
Sein Blick wanderte zu den Kristallen an den Wänden. Sie warfen ein fahles Licht in die Dunkelheit, genug, um seinen Weg zu erhellen, aber nicht genug, um die Schatten gänzlich zu vertreiben. Er trat näher an einen heran, betrachtete die glatte Oberfläche, in der sich sein eigenes Gesicht spiegelte – blass, müde, verwirrt. Er legte eine Hand an den Kristall. Er war kühl, doch nicht so kalt, wie er es von einem gewöhnlichen Stein erwarten würde. Ein sanftes Pulsieren ging von ihm aus, kaum spürbar, aber vorhanden.
Wie können diese Dinger leuchten?<<
Er hatte keine Ahnung. Keine Stromquelle, kein Feuer, nichts, was ihm eine logische Erklärung liefern konnte. Es war einfach so. Vielleicht war es eine Art Biolumineszenz? Oder etwas, das er nicht verstand? Der Gedanke ließ ihn nicht los, während er weiterging, die Kristalle in regelmäßigen Abständen die Gänge säumend.
Seine Gedanken wanderten zurück zu seiner Situation. Wo war er? Und wie war er hierhergekommen? Er wusste, dass er Feriks Daitenshi war. Er wusste, dass er kein Abenteurer, kein Krieger war. Ein ganz normaler Mann. Und doch befand er sich hier – allein in einer Höhle, mit einem toten Körper hinter sich und einem seltsamen Buch in den Händen.
Er versuchte, sich an den letzten Moment zu erinnern, bevor er hier aufgewacht war. Hatte er geschlafen? War er gestürzt? War er entführt worden? Aber sein Gedächtnis war ein schwarzes Loch. Er wusste nur, dass er hier war. Die Vergangenheit lag hinter einer undurchdringlichen Wand verborgen.
Der Gang wurde enger. Stalaktiten hingen von der Decke, ihr Schatten tänzelte über die Wände, wenn er an ihnen vorbeiging. Das Licht der Kristalle war hier schwächer, gedämpfter, als würde es sich vor dem nächsten Abschnitt fürchten. Der Boden wurde unebener, seine Schritte vorsichtiger. In der Ferne hörte er das sanfte Tropfen von Wasser. Ein ständiger Rhythmus, ein leises Echo, das ihn begleitete.
Dann hielt er inne.
Ein Geräusch.
Nicht das Tropfen des Wassers. Nicht das entfernte Echo seiner eigenen Schritte.
Etwas anderes.
Knurren.
Seine Muskeln spannten sich instinktiv an. Es war tief, rau, ein drohender Laut, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Langsam wandte er den Kopf. Der Gang öffnete sich ein Stück weiter, und im Halbdunkel konnte er eine Gestalt erkennen.
Ein Hund.
Oder etwas, das einem Hund ähnelte.
Schwarz wie die Schatten, mit glühenden Augen, die ihn fixierten. Die Ohren angelegt, die Lefzen hochgezogen, sodass spitze Zähne aufblitzten. Sein Körper war sehnig, muskulös, aber nicht natürlich. Etwas stimmte nicht mit diesem Tier. Die Art, wie es sich bewegte, wie sein Fell im spärlichen Licht schimmerte – als wäre es aus Schatten selbst geformt.
Feriks' Herz hämmerte in seiner Brust. Er war kein Kämpfer. Er hatte keine Waffe. Nur das Buch.
Und der Hund bewegte sich.
Er sprang.
Ein Blitz aus Dunkelheit, ein Inferno aus Zähnen. Feriks schrie auf, riss die Arme hoch, doch er war zu langsam. Schmerz explodierte in seiner Schulter, als die Bestie sich in sein Fleisch verbiss. Er taumelte rückwärts, sein Rücken schlug gegen die kalte Höhlenwand. Das Gewicht des Hundes drückte ihn nach unten, seine Klauen kratzten über Feriks’ Brust.
Gott, es tut weh! Es tut so weh! Ich muss... ich muss ihn loswerden!<<
Er schlug mit bloßen Fäusten auf das Tier ein, trat gegen seinen Bauch, doch es war, als würde er gegen Stein schlagen. Die Augen des Wesens funkelten voller mörderischer Absicht. Blut lief über seine Haut, wärmte ihn, während die Kälte der Angst ihn umfing.
Das Buch! Das Buch!<<
Mit letzter Kraft riss er es hoch, schmetterte es gegen den Schädel des Hundes. Nichts. Kein Effekt. Der Schmerz schoss erneut durch ihn, als die Zähne sich tiefer gruben. Seine Schreie hallten durch die Höhle.
Dann – ein Zucken.
Das Buch begann zu glühen.
Seiten blätterten sich von selbst um, Schriftzeichen leuchteten auf. Der Hund knurrte, fletschte die Zähne, versuchte, sich loszureißen, doch das Buch hielt ihn fest. Eine unsichtbare Kraft schien aus den Seiten zu strömen, umfing den Körper des Tieres.
Ein greller Lichtblitz. Ein markerschütterndes Jaulen. Dann – Stille.
Feriks keuchte. Der Hund war fort. Nur ein Kristall lag an seiner Stelle, funkelnd im schwachen Licht.
Und vor ihm, mitten auf dem Boden, regte sich etwas.
Ein winziger Golem, aus Stein geformt, mit leuchtenden Augen. Er blickte zu Feriks auf, als wäre er sein Schöpfer.
nächster Teil: https://derwanderndemagier.blogspot.com/2025/10/der-golembeschworer-2.html
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