Honigfalle - Nacht in der Stadt
Die Straßen waren still, nur das Summen einer defekten Laterne und das Klappern ihrer Stiefel auf dem nassen Asphalt. Felice ging langsam, die Hände in den Taschen ihrer schwarzen Jacke, den Kragen hochgeschlagen gegen den kalten Wind. Normale schwarze Straßenkleidung – Jeans, Stiefel, ein enges Shirt darunter. Keine Weste. Keine sichtbaren Waffen. Nur die Walther P99 im Holster an ihrer Hüfte, verdeckt von der Jacke, und der Teleskopschlagstock in der Innentasche. Beides griffbereit, aber nicht gezogen.
Sie roch sie, bevor sie sie sah. Schweiß, billiges Aftershave, Adrenalin. Und den sauren Unterton von Männern, die Ärger suchten.
Vier von ihnen. Vielleicht fünf. Sie kamen aus einer Seitengasse, breiteten sich aus, um sie einzukreisen. Junge Kerle, Anfang zwanzig, Muskeln angespannt, Hände in den Taschen oder locker an den Seiten. Einer hatte einen Schlagstock, ein anderer ein Messer. Der Rest – Fäuste.
„Hey, Süße“, sagte der Anführer, ein großer mit rasiertem Kopf und einer Narbe über der Augenbraue. „Was machst du denn ganz allein hier? Ist doch gefährlich für so ein hübsches Ding.“
Felice blieb stehen. Sie sah ihn an, ohne Furcht, ohne Überraschung. Nur eine ruhige, fast amüsierte Neugier.
*Vier Gegner. Einer mit Schlagstock, einer mit Messer. Zwei unbewaffnet. Keiner hat eine Schusswaffe gezogen. Noch nicht.*
Sie lächelte. Ein kleines, spöttisches Lächeln, das den Anführer kurz irritierte.
„Ich komme zurecht“, sagte sie leise. „Aber danke der Nachfrage.“
Der Anführer lachte. „Ach, die Kleine hat Mut. Findet ihr nicht auch, Jungs?“
Die anderen lachten mit. Sie kamen näher. Der mit dem Messer leckte sich über die Lippen. Der mit dem Schlagstock klopfte sich damit in die Handfläche.
Felice atmete einmal tief ein. Sie roch ihre Erregung, ihre Gier, ihre Dummheit. Sie hörte ihre Herzen schneller schlagen, sah die winzigen Bewegungen ihrer Muskeln, die verrieten, wer zuerst zuschlagen würde.
*Der mit dem Schlagstock. Er ist links. Der mit dem Messer rechts. Die beiden anderen flankieren.*
Sie wartete.
Der Anführer streckte die Hand aus, um ihr Kinn zu packen.
Felice bewegte sich.
Es war keine hastige Bewegung. Es war eine fließende, präzise Verschiebung ihres Körpers, als hätte sie nie etwas anderes getan. Sie packte sein Handgelenk, drehte es mit einer kurzen, knackenden Bewegung nach außen – nicht fest genug, um es zu brechen, nur fest genug, um ihn auf die Knie zu zwingen. Er schrie auf.
Der mit dem Schlagstock reagierte, holte aus. Felice ließ den Anführer los, wirbelte herum und fing den Schlag mit ihrem Unterarm ab. Der Schlagstock prallte gegen ihre Haut wie gegen einen Baumstamm. Der Schläger starrte sie an, verwirrt. Sie nutzte seinen Schock, packte seinen Kragen und schleuderte ihn gegen den mit dem Messer. Beide gingen zu Boden.
Die zwei anderen zögerten. Sie sahen ihre Kumpane am Boden, sahen Felice, die ruhig dastand, als hätte sie nichts getan.
„Was zum …“, murmelte einer.
Felice zog den Teleskopschlagstock aus ihrer Jacke. Ein kurzes, metallisches Klicken, als er ausfuhr. Sie wirbelte ihn einmal lässig in der Hand.
„Letzte Chance“, sagte sie. „Geht nach Hause.“
Die beiden sahen sich an. Dann rannten sie.
Felice steckte den Schlagstock weg. Sie blickte auf den Anführer hinunter, der immer noch auf dem Boden kniete und sein Handgelenk hielt.
„Du hast Glück“, sagte sie. „Ich bin heute gut gelaunt.“
Sie drehte sich um und ging weiter.
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Doch dann hörte sie es.
Das Klicken eines Abzugs.
Sie hatte es früher gehört, als sie es hätte hören sollen. Der Anführer – er hatte eine Pistole gezogen. Versteckt in seiner Jacke. Er richtete sie auf ihren Rücken, seine Hand zitterte, sein Finger krümmte sich.
Felice reagierte, bevor der Schuss fiel.
Sie nahm nicht die Kugel wahr. Sie nahm *ihn* wahr. Die Muskelanspannung in seinem Arm. Die Blickrichtung. Das Zittern seiner Hand. Den Geruch von Angst und Adrenalin, der plötzlich stärker wurde. Das Klicken des Abzugs, das für ihre Ohren so laut war wie ein Glockenschlag.
Sie war bereits in Bewegung, als der Schuss fiel.
Der Knall hallte durch die Straße. Die Kugel durchschlug die Luft genau dort, wo sie eine Sekunde zuvor gestanden hatte. Felice war zur Seite gesprungen, hatte sich gedreht, war nun seitlich von ihm. Er riss die Waffe herum, versuchte erneut zu zielen.
Er war zu langsam.
Sie war bei ihm, bevor er den Finger wieder krümmen konnte. Ihre Hand schloss sich um seine, drückte sie zur Seite, bog sie nach hinten. Ein weiterer Schuss löste sich, ging in den Asphalt. Dann hatte sie ihm die Waffe aus der Hand gedreht. Sie steckte sie in ihren eigenen Hosenbund.
Der Anführer starrte sie an, die Augen weit aufgerissen, Schmerz und Entsetzen im Gesicht.
„Wie …?“
Felice sah ihn an. Ihr Blick war ruhig, fast enttäuscht.
„Du hättest einfach gehen sollen“, sagte sie.
Dann schlug sie zu. Ein einziger, präziser Hieb mit der Handkante gegen seine Schläfe. Er sackte zusammen, bewusstlos.
Sie richtete sich auf, atmete einmal aus. Die Straße war wieder still. Nur das Summen der Laterne und das entfernte Heulen einer Sirene, irgendwo in der Stadt.
Felice zog die Pistole aus ihrem Hosenbund, prüfte sie kurz, steckte sie zurück in ihr Holster. Sie zog die Jacke zurecht, strich sich eine Strähne aus dem Gesicht.
Dann ging sie weiter, als wäre nichts geschehen.
Die vier Männer blieben zurück – einer bewusstlos, einer mit einem verstauchten Handgelenk, zwei mit blauen Flecken und gebrochenem Stolz. Und alle mit der Gewissheit, dass sie gerade etwas getroffen hatten, das kein gewöhnliches Mädchen war.
Felice verschwand in der Dunkelheit der nächsten Gasse. Ihr Herzschlag war ruhig. Ihre Schritte waren leicht.
Es war eine gute Nacht.
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