Honigfalle: Felices Flucht
Die Flucht
Der Durchbruch
Der Alarm heulte. Rote Lichter flackerten an den Wänden des Ganges, der in einer Sackgasse endete. Hinter ihr – Schritte. Schwere Stiefel. Das Klacken von Waffen, die entsichert wurden.
Felice stand vor der Wand. Stahlbeton. Grau. Kalt. Unbeweglich.
Sie atmete einmal aus.
Dann ballte sie die Faust und schlug zu.
Der erste Schlag ließ den Beton erzittern. Ein Riss, fein wie ein Haar, zog sich durch die Oberfläche. Ihre Knöchel brannten, die Haut platzte auf. Sie spürte es kaum.
Zweiter Schlag. Der Riss wurde tiefer. Staub rieselte herab.
Dritter Schlag. Ein Stück Beton splitterte ab, fiel zu Boden. Ihre Hand blutete jetzt. Ein Knochen in ihrem Zeigefinger knackte – gebrochen.
Vierter Schlag. Fünfter. Sechster.
Die Wand bekam ein Loch. Klein, aber sichtbar. Dahinter: Dunkelheit. Nacht. Freiheit.
Sie hörte die Schritte näher kommen. Zwanzig Meter. Fünfzehn.
Sie nahm Anlauf.
Drei Schritte. Atem holen. Muskeln spannen. Mitochondrien flackerten wie ein Feuer, das entfacht wurde.
Dann rannte sie.
Die Welt wurde zu einem Tunnel. Der Gang verschwamm. Die Wand kam näher. Schneller. Schneller.
KRRRRACH.
Der Aufprall war ohrenbetäubend. Beton barst. Stahlträger verbogen sich wie Streichhölzer. Staub und Splitter flogen durch die Luft. Ein Loch, groß genug für einen Menschen, klaffte in der Wand.
Felice flog durch die Öffnung, überschlug sich, landete auf dem nassen Asphalt draußen. Ihr Körper schrie. Rippen gebrochen. Linke Schulter ausgekugelt. Gehirnerschütterung. Blut lief aus einer Platzwunde an ihrer Stirn, vermischte sich mit Regen.
Sie lag da. Ein Atemzug. Zwei.
Dann lachte sie.
Leise, keuchend, aber echt.
Sie stand auf. Ihr linker Arm baumelte nutzlos. Sie richtete ihn mit einem Ruck wieder ein – ein nasses Knacken, dann ein Schmerz, den sie ignorierte. Die Wunde an ihrer Stirn schloss sich bereits. Die Rippen würden Stunden brauchen. Der Finger – Minuten.
Hinter ihr: Schreie. Befehle. Das Rattern von Stiefeln auf Beton.
Sie drehte sich um. Sah die Einrichtung, die sie erschaffen hatte. Die Lichter, die Alarmanlagen, die Waffen, die auf sie gerichtet wurden.
Sie lächelte.
„Tschüss“, flüsterte sie.
Dann rannte sie.
Die Autobahn
Der Regen peitschte auf den Asphalt. Die Autobahn lag leer vor ihr – eine graue Schlange, die sich durch die Dunkelheit wand. Ein paar Lichter in der Ferne. Ein LKW, der gemächlich seine Bahn zog. Sonst: nichts.
Felice erreichte die Leitplanke, sprang darüber, landete auf der Fahrbahn. Ihre Stiefel klatschten auf nassen Beton. Sie spürte den Wind, der von vorn kam, kalt und schneidend.
Sie atmete ein. Konzentrierte sich. Ihre mitochondrialen Reserven – nach dem Wanddurchbruch fast leer – flackerten noch. Genug für einen Sprint. Nicht genug für mehr.
Sie rannte los.
Die ersten Sekunden: 100 km/h. Langsam. Sie spürte, wie ihre Muskeln arbeiteten, wie die Regeneration bereits die Rippen richtete, die Schulter stabilisierte, die Haut schloss.
200 km/h. Der Wind wurde stärker. Ihre Haare peitschten nach hinten. Die Welt verschwamm.
300 km/h. Die Leitplanken zu beiden Seiten wurden zu grauen Streifen. Ein vorbeifahrendes Auto – ein Golf, vielleicht – war plötzlich da, dann weg, bevor der Fahrer überhaupt registrieren konnte, was er gesehen hatte.
400 km/h. Ihr Körper schrie. Die Rippen, noch nicht vollständig geheilt, bohrten sich in ihre Lunge. Sie ignorierte es. Blut lief ihr aus der Nase, wurde vom Wind weggewischt.
500 km/h. Die Spitze. Der Asphalt unter ihr wurde zu einem einzigen, endlosen Band. Die Sterne über ihr verschwammen zu Linien. Sie war schneller als jedes Auto, schneller als jeder Zug, schneller als alles, was Menschen je gebaut hatten.
Sie lachte. Laut. Der Wind riss das Lachen mit sich.
Dann spürte sie, wie ihre Kräfte nachließen. Die Regeneration forderte ihren Tribut. Ihre Beine wurden schwer. Die Lunge brannte.
Sie drosselte auf 300 km/h. Dann 200. Dann 100.
Nach zwanzig Minuten: 80 km/h. Sie taumelte, fing sich, rannte weiter. Der Regen ließ nach. Die Autobahn war still. Kein Auto mehr. Nur sie und die Nacht.
Nach vierzig Minuten: 60 km/h. Ihre Sicht verschwamm. Die Wunden waren fast geheilt – aber ihr Energiehaushalt war leer. Sie brauchte Nahrung.
Nach sechzig Minuten: 50 km/h. Sie stolperte über eine Bodenwelle, fiel fast, rappelte sich auf. Ihr Atem ging rasselnd.
Nach achtzig Minuten: 40 km/h. Sie rannte nicht mehr. Sie torkelte. Aber sie blieb auf den Beinen.
Dann sah sie das Schild.
Ausfahrt. 2 km.
Sie biss die Zähne zusammen. Die letzten Kilometer. Ihre Beine zitterten. Ihr Magen krampfte. Die Regeneration hatte ihre letzten Reserven aufgebraucht.
Sie erreichte die Ausfahrt. Eine kleine Tankstelle, erleuchtet, leer. Ein Imbiss daneben – geschlossen, aber der Automat draußen surrte.
Sie fiel auf die Knie. Dann auf die Hände. Dann aufs Gesicht.
Der Asphalt war kalt und nass. Sie roch Benzin, Regen und altes Frittierfett.
Sie schloss die Augen.
Ihr Körper arbeitete weiter. Zellen heilten. Muskeln regenerierten. Knochen richteten sich aus.
Nach ein paar Minuten öffnete sie die Augen. Sie kroch zum Automaten. Schokoriegel. Cola. Chips. Sie riss den Automaten mit bloßen Händen auf – Metall kreischte, Glas splitterte – und stopfte sich alles in den Mund.
Dann lehnte sie sich gegen die Wand der Tankstelle, sah in den Himmel, der langsam grau wurde.
Sie war frei.
Endgültig frei.
Der Durchbruch
Der Alarm heulte. Rote Lichter flackerten an den Wänden des Ganges, der in einer Sackgasse endete. Hinter ihr – Schritte. Schwere Stiefel. Das Klacken von Waffen, die entsichert wurden.
Felice stand vor der Wand. Stahlbeton. Grau. Kalt. Unbeweglich.
Sie atmete einmal aus.
Dann ballte sie die Faust und schlug zu.
Der erste Schlag ließ den Beton erzittern. Ein Riss, fein wie ein Haar, zog sich durch die Oberfläche. Ihre Knöchel brannten, die Haut platzte auf. Sie spürte es kaum.
Zweiter Schlag. Der Riss wurde tiefer. Staub rieselte herab.
Dritter Schlag. Ein Stück Beton splitterte ab, fiel zu Boden. Ihre Hand blutete jetzt. Ein Knochen in ihrem Zeigefinger knackte – gebrochen.
Vierter Schlag. Fünfter. Sechster.
Die Wand bekam ein Loch. Klein, aber sichtbar. Dahinter: Dunkelheit. Nacht. Freiheit.
Sie hörte die Schritte näher kommen. Zwanzig Meter. Fünfzehn.
Sie nahm Anlauf.
Drei Schritte. Atem holen. Muskeln spannen. Mitochondrien flackerten wie ein Feuer, das entfacht wurde.
Dann rannte sie.
Die Welt wurde zu einem Tunnel. Der Gang verschwamm. Die Wand kam näher. Schneller. Schneller.
KRRRRACH.
Der Aufprall war ohrenbetäubend. Beton barst. Stahlträger verbogen sich wie Streichhölzer. Staub und Splitter flogen durch die Luft. Ein Loch, groß genug für einen Menschen, klaffte in der Wand.
Felice flog durch die Öffnung, überschlug sich, landete auf dem nassen Asphalt draußen. Ihr Körper schrie. Rippen gebrochen. Linke Schulter ausgekugelt. Gehirnerschütterung. Blut lief aus einer Platzwunde an ihrer Stirn, vermischte sich mit Regen.
Sie lag da. Ein Atemzug. Zwei.
Dann lachte sie.
Leise, keuchend, aber echt.
Sie stand auf. Ihr linker Arm baumelte nutzlos. Sie richtete ihn mit einem Ruck wieder ein – ein nasses Knacken, dann ein Schmerz, den sie ignorierte. Die Wunde an ihrer Stirn schloss sich bereits. Die Rippen würden Stunden brauchen. Der Finger – Minuten.
Hinter ihr: Schreie. Befehle. Das Rattern von Stiefeln auf Beton.
Sie drehte sich um. Sah die Einrichtung, die sie erschaffen hatte. Die Lichter, die Alarmanlagen, die Waffen, die auf sie gerichtet wurden.
Sie lächelte.
„Tschüss“, flüsterte sie.
Dann rannte sie.
Die Autobahn
Der Regen peitschte auf den Asphalt. Die Autobahn lag leer vor ihr – eine graue Schlange, die sich durch die Dunkelheit wand. Ein paar Lichter in der Ferne. Ein LKW, der gemächlich seine Bahn zog. Sonst: nichts.
Felice erreichte die Leitplanke, sprang darüber, landete auf der Fahrbahn. Ihre Stiefel klatschten auf nassen Beton. Sie spürte den Wind, der von vorn kam, kalt und schneidend.
Sie atmete ein. Konzentrierte sich. Ihre mitochondrialen Reserven – nach dem Wanddurchbruch fast leer – flackerten noch. Genug für einen Sprint. Nicht genug für mehr.
Sie rannte los.
Die ersten Sekunden: 100 km/h. Langsam. Sie spürte, wie ihre Muskeln arbeiteten, wie die Regeneration bereits die Rippen richtete, die Schulter stabilisierte, die Haut schloss.
200 km/h. Der Wind wurde stärker. Ihre Haare peitschten nach hinten. Die Welt verschwamm.
300 km/h. Die Leitplanken zu beiden Seiten wurden zu grauen Streifen. Ein vorbeifahrendes Auto – ein Golf, vielleicht – war plötzlich da, dann weg, bevor der Fahrer überhaupt registrieren konnte, was er gesehen hatte.
400 km/h. Ihr Körper schrie. Die Rippen, noch nicht vollständig geheilt, bohrten sich in ihre Lunge. Sie ignorierte es. Blut lief ihr aus der Nase, wurde vom Wind weggewischt.
500 km/h. Die Spitze. Der Asphalt unter ihr wurde zu einem einzigen, endlosen Band. Die Sterne über ihr verschwammen zu Linien. Sie war schneller als jedes Auto, schneller als jeder Zug, schneller als alles, was Menschen je gebaut hatten.
Sie lachte. Laut. Der Wind riss das Lachen mit sich.
Dann spürte sie, wie ihre Kräfte nachließen. Die Regeneration forderte ihren Tribut. Ihre Beine wurden schwer. Die Lunge brannte.
Sie drosselte auf 300 km/h. Dann 200. Dann 100.
Nach zwanzig Minuten: 80 km/h. Sie taumelte, fing sich, rannte weiter. Der Regen ließ nach. Die Autobahn war still. Kein Auto mehr. Nur sie und die Nacht.
Nach vierzig Minuten: 60 km/h. Ihre Sicht verschwamm. Die Wunden waren fast geheilt – aber ihr Energiehaushalt war leer. Sie brauchte Nahrung.
Nach sechzig Minuten: 50 km/h. Sie stolperte über eine Bodenwelle, fiel fast, rappelte sich auf. Ihr Atem ging rasselnd.
Nach achtzig Minuten: 40 km/h. Sie rannte nicht mehr. Sie torkelte. Aber sie blieb auf den Beinen.
Dann sah sie das Schild.
Ausfahrt. 2 km.
Sie biss die Zähne zusammen. Die letzten Kilometer. Ihre Beine zitterten. Ihr Magen krampfte. Die Regeneration hatte ihre letzten Reserven aufgebraucht.
Sie erreichte die Ausfahrt. Eine kleine Tankstelle, erleuchtet, leer. Ein Imbiss daneben – geschlossen, aber der Automat draußen surrte.
Sie fiel auf die Knie. Dann auf die Hände. Dann aufs Gesicht.
Der Asphalt war kalt und nass. Sie roch Benzin, Regen und altes Frittierfett.
Sie schloss die Augen.
Ihr Körper arbeitete weiter. Zellen heilten. Muskeln regenerierten. Knochen richteten sich aus.
Nach ein paar Minuten öffnete sie die Augen. Sie kroch zum Automaten. Schokoriegel. Cola. Chips. Sie riss den Automaten mit bloßen Händen auf – Metall kreischte, Glas splitterte – und stopfte sich alles in den Mund.
Dann lehnte sie sich gegen die Wand der Tankstelle, sah in den Himmel, der langsam grau wurde.
Sie war frei.
Endgültig frei.
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