Honigfalle: Die Flucht #Version 2
Die Flucht
1. Der Durchbruch
Der Alarm heulte durch die Gänge der Einrichtung. Rote Warnleuchten tauchten die weißen Wände in ein unruhiges Flackern. Überall ertönten Lautsprecherdurchsagen, doch Felice hörte kaum hin. Ihre Aufmerksamkeit galt den Schritten hinter ihr.
Mehrere Personen. Schwere Stiefel. Bewaffnet.
Sie bog um eine Ecke und blieb stehen.
Eine Sackgasse.
Vor ihr erhob sich eine massive Stahlbetonwand. Dahinter musste das Freie liegen. Sie wusste nicht, was sie dort erwartete. Sie wusste nicht einmal genau, wo sie sich befand. Aber sie wusste, dass sie hier nicht bleiben wollte.
Sie legte den Kopf schief und betrachtete die Wand.
„Na schön.“
Sie ballte die rechte Hand zur Faust und schlug zu.
Der Knall hallte durch den Gang. Ihre Knöchel platzten auf, und ein stechender Schmerz schoss durch ihre Finger. Der Beton bekam eine kleine Delle, umgeben von feinen Rissen.
Felice betrachtete ihre Hand.
„Das könnte etwas länger dauern.“
Die Schritte kamen näher.
Sie schlug erneut zu.
Der zweite Treffer vergrößerte die Risse. Beim dritten Schlag splitterte ein Stück Beton heraus. Sie spürte, wie einer ihrer Finger brach. Es war unangenehm, aber nicht wichtig genug, um aufzuhören.
Vierter Schlag.
Fünfter.
Beim sechsten Treffer brach ein größeres Stück aus der Wand. Dahinter lag ein dunkler Hohlraum. Kalte Luft strömte durch die Öffnung und strich über ihr Gesicht.
Felice hielt inne.
Sie roch Regen.
Echten Regen, nicht gefilterte Luft aus einer Klimaanlage.
Ihr Lächeln wurde breiter.
Hinter ihr ertönte eine Stimme.
„Zielperson in Sicht! Nicht schießen, wir brauchen sie lebend!“
Felice drehte sich halb um. Die ersten bewaffneten Männer tauchten am Ende des Ganges auf. Sie hoben ihre Waffen.
Sie sah wieder zur Wand.
Das Loch war noch zu klein.
„Dann eben anders.“
Sie trat einige Schritte zurück. Ihr Körper spannte sich an. Muskeln zogen sich zusammen, ihre verletzten Finger krümmten sich, und ihre mitochondrialen Reserven wurden mobilisiert. Sie musste ihre Kraft nicht fein dosieren. Diesmal ging es nicht darum, etwas vorsichtig zu zerstören.
Sie wollte hinaus.
Felice rannte los.
Der erste Schritt ließ den Boden erzittern. Beim zweiten beschleunigte sie weiter. Beim dritten war die Wand bereits unmittelbar vor ihr.
Der Aufprall war gewaltig.
KRRAAACH!
Der Beton brach unter der Wucht ihres Körpers. Stahlbewehrungen verbogen sich, Verankerungen rissen aus dem Mauerwerk, und schwere Bruchstücke flogen nach außen. Felice durchschlug die Wand und wurde mit den Trümmern in die Nacht geschleudert.
Sie landete hart auf dem nassen Boden.
Der Aufprall trieb ihr die Luft aus der Lunge. Ihre linke Schulter sprang aus dem Gelenk, mehrere Rippen brachen, und eine Platzwunde öffnete sich an ihrer Stirn. Für einen Augenblick blieb sie liegen.
Regen tropfte auf ihr Gesicht.
Über ihr war der Himmel.
Kein Dach. Keine künstliche Beleuchtung. Keine Glasscheibe zwischen ihr und der Welt.
Felice starrte nach oben.
Dann lachte sie.
Erst leise, dann lauter. Nicht, weil sie den Schmerz genoss, sondern weil sie gerade begriff, dass zwischen ihr und draußen keine Wand mehr stand.
Hinter ihr schrien die Männer. Taschenlampen tasteten über die Trümmer. Eine Waffe wurde angelegt.
Felice setzte sich auf. Ihre Schulter hing schief, und Blut lief über ihre Wange. Sie packte den Arm, zog einmal kräftig daran und brachte das Gelenk zurück an seinen Platz.
Ein schmerzhaftes Knacken.
„Autsch.“
Sie wischte sich das Blut aus dem Gesicht, stand auf und betrachtete das Gebäude.
„War nett bei euch.“
Dann rannte sie los.
2. Die Entscheidung
Das Gelände lag am Rand eines Industriegebiets. Zäune, Zufahrtsstraßen und vereinzelte Gebäude zogen im Regen an ihr vorbei. In der Ferne hörte sie Motoren. Hinter ihr schrillten Sirenen.
Sie wusste nicht, wie weit die nächste Stadt entfernt war. Sie wusste nicht, ob die Menschen, die sie erschaffen hatten, bereits die Polizei verständigten oder ob sie über eigene Kräfte verfügten, die sie verfolgen konnten.
Sie wusste nur, dass sie möglichst weit wegmusste.
Nicht zehn Meter. Nicht einen Kilometer.
So weit, dass niemand sie einfach wieder einfangen konnte.
Am Ende einer Zufahrt sah sie die blauen Schilder einer Autobahn. Die Straße führte in die Dunkelheit, und die Entfernung bis zur nächsten größeren Stadt war ihr unbekannt.
Sie blieb einen Moment stehen.
Ein Lastwagen fuhr auf der nahe gelegenen Fahrbahn vorbei. Der Wind schlug ihr entgegen und brachte den Geruch von nassem Asphalt, Diesel und Erde mit sich.
Felice grinste.
„Hundert Kilometer sollten reichen.“
Sie wusste nicht, weshalb ihr ausgerechnet diese Zahl einfiel. Vielleicht, weil sie weit genug klang. Vielleicht, weil sie sehen wollte, wie schnell sie es schaffen konnte.
Sie sprang über die Leitplanke und lief auf die freie Strecke hinaus.
Der Regen wurde schwächer. Vor ihr erstreckte sich die dunkle Autobahn, beleuchtet von vereinzelten Lampen und den Lichtern entfernter Fahrzeuge.
Felice holte tief Luft.
Ihre Verletzungen waren noch nicht verheilt. Die Rippen schmerzten bei jedem Atemzug, und ihre Schulter fühlte sich steif an. Ihr Körper hatte bereits mit der Reparatur begonnen, aber sie brauchte Zeit und Energie dafür.
Zeit hatte sie nicht.
Sie setzte sich in Bewegung.
3. Fünfhundert Kilometer pro Stunde
Die ersten Schritte waren noch kontrolliert. Dann beschleunigte sie.
Hundert Kilometer pro Stunde.
Der Wind strich kräftig an ihrem Körper vorbei. Ihre Haare wurden nach hinten gerissen, und die weißen Fahrbahnmarkierungen begannen, schneller unter ihren Füßen zu verschwinden.
Zweihundert.
Die Landschaft verlor ihre Einzelheiten. Schilder und Leitpfosten tauchten auf und verschwanden, bevor ein gewöhnlicher Mensch sie richtig wahrnehmen konnte.
Felice lachte.
Sie hatte gewusst, dass sie schnell war. Aber es war etwas anderes, diese Geschwindigkeit tatsächlich zu erleben. Niemand hielt sie fest. Niemand gab ihr Befehle. Niemand konnte ihr sagen, wo sie bleiben musste.
Sie beschleunigte weiter.
Dreihundert Kilometer pro Stunde.
Der Wind drückte gegen ihren Körper. Jeder Schritt erforderte präzise Kontrolle. Ihre Beine mussten enorme Kräfte aufnehmen, während sie sich immer wieder vom Asphalt abstieß. Die Luft wurde zu einem widerständigen Strom, gegen den sie ankämpfen musste.
Vierhundert.
Ihre Rippen schmerzten. Ein scharfer Stich fuhr durch ihre Seite, als ihr Fuß auf dem Boden aufsetzte. Sie spürte, wie sich Muskelfasern belasteten und winzige Verletzungen entstanden, während andere bereits repariert wurden.
Sie ignorierte das.
Fünfhundert.
Für einen kurzen Moment erreichte sie ihre theoretische Höchstgeschwindigkeit.
Die Welt wurde zu einem dunklen Band. Der Asphalt raste unter ihr hindurch, und der Wind zerrte an ihrer Kleidung. Jeder Schritt war eine Belastungsprobe für einen Körper, der dafür nicht geschaffen worden war, diese Geschwindigkeit über längere Zeit zu halten.
Felice wusste, dass sie das nicht lange durchstehen würde.
Aber sie musste es auch nicht.
Sie wollte Abstand gewinnen.
Und genau das tat sie.
Nach kurzer Zeit begann sie, das Tempo zu reduzieren. Nicht freiwillig, sondern weil ihr Körper ihr Grenzen setzte. Die Belastung ihrer Beine, die Heilung der Verletzungen und der Verbrauch ihrer Energiereserven summierten sich.
Sie fiel auf dreihundert Kilometer pro Stunde zurück.
Dann auf zweihundertfünfzig.
Die Geschwindigkeit war immer noch absurd hoch. Sie hatte bereits eine beträchtliche Strecke hinter sich gebracht, und das Labor lag irgendwo weit zurück in der Nacht.
Sie war frei.
Der Gedanke ließ sie erneut lächeln.
Doch ihr Körper erinnerte sie daran, dass Freiheit nicht bedeutete, keine Grenzen mehr zu haben.
4. Der lange Lauf
Die Autobahn führte durch eine dunkle Landschaft. Wälder wechselten sich mit Feldern ab, gelegentlich tauchten Brücken und Auffahrten auf. Felice mied andere Fahrzeuge, wann immer sie welche rechtzeitig erkannte. Sie wollte nicht von einem Lastwagen erfasst werden, nur weil sie ihre eigenen Fähigkeiten überschätzte.
Mit der Zeit wurde ihre Atmung schwerer.
Ihre Regeneration arbeitete ununterbrochen. Die Rippen stabilisierten sich, die Wunden an ihrer Stirn und ihren Händen schlossen sich, und die Schäden an ihrer Schulter wurden repariert. Aber jede dieser Vorgänge benötigte Energie.
Ihre mitochondrialen Reserven sanken.
Zweihundert Kilometer pro Stunde wurden zu hundertfünfzig. Schließlich lief sie mit ungefähr hundert Kilometern pro Stunde weiter.
Für jeden anderen Menschen wäre das unmöglich gewesen. Für Felice war es inzwischen die Geschwindigkeit, bei der sie versuchte, ihre Kräfte einzuteilen.
Sie hatte keine Uhr. Sie hatte keine Karte. Sie wusste nicht, wie lange sie bereits unterwegs war.
Sie zählte keine Minuten.
Sie dachte nicht an die Menschen zurück, die sie erschaffen hatten.
Sie konzentrierte sich auf den Weg vor sich.
Nach einiger Zeit bemerkte sie, dass ihre Beine schwerer wurden. Ihre Muskeln reagierten noch immer schnell, doch jede Beschleunigung kostete mehr Kraft als zuvor. Ihr Magen zog sich zusammen. Ihr Körper verlangte nach Nahrung.
„Später“, murmelte sie.
Sie hatte keine Lust, jetzt anzuhalten.
Der Himmel wurde am Horizont etwas heller, doch die Nacht war noch nicht vorbei. Felice lief weiter. Die Geschwindigkeit sank auf achtzig Kilometer pro Stunde, dann auf sechzig.
Sie war noch immer schneller als ein gewöhnlicher Läufer, aber der Unterschied zu ihrem Höchsttempo war enorm.
Ihre Verletzungen waren inzwischen weitgehend verheilt. Die Schmerzen waren zurückgegangen, die Rippen saßen wieder an ihrem Platz, und ihre Schulter ließ sich normal bewegen. Doch die Regeneration hatte einen Preis. Ihre Energiereserven waren beinahe aufgebraucht.
Sie stolperte über eine Unebenheit im Asphalt, fing sich mit einem Schritt ab und fluchte.
„Das war unnötig.“
Sie blieb nicht stehen.
Nicht jetzt.
Sie hatte sich vorgenommen, hundert Kilometer zurückzulegen. Sie würde dieses Ziel erreichen, auch wenn sie die letzten Kilometer nur noch dahinschleichen konnte.
5. Die letzten Kilometer
Irgendwann tauchte ein blaues Schild am Straßenrand auf.
Felice konnte die Entfernung erkennen, ohne langsamer zu werden. Sie war müde, aber ihre Sinne funktionierten noch immer deutlich besser als die eines gewöhnlichen Menschen.
Noch zwanzig Kilometer.
Sie atmete tief ein und lief weiter.
Der Regen hatte aufgehört. Wasser glänzte auf dem Asphalt, und die Luft roch nach feuchter Erde und Vegetation. In der Ferne begann der Himmel langsam heller zu werden.
Ihre Beine zitterten.
Sie reduzierte ihr Tempo auf ungefähr fünfzig Kilometer pro Stunde. Dann auf vierzig.
Jeder Schritt war inzwischen eine bewusste Anstrengung. Ihr Körper konnte sich weiterhin bewegen, doch die Energie, die er dafür benötigte, war kaum noch vorhanden. Ihre Regeneration hatte die schweren Verletzungen beseitigt, aber sie konnte keine Energie aus dem Nichts erschaffen.
Felice biss die Zähne zusammen.
Noch ein Stück.
Sie hatte das Labor hinter sich gelassen. Sie hatte die Wände durchbrochen, die Menschen abgeschüttelt, die sie zurückholen wollten, und eine Entfernung zurückgelegt, die für einen gewöhnlichen Menschen einen langen Fußmarsch bedeutet hätte.
Für sie war es ein einziger, ununterbrochener Lauf gewesen.
Als sie schließlich die Ausfahrt erreichte, konnte sie kaum noch schneller gehen als ein gewöhnlicher Mensch.
Sie verließ die Autobahn und folgte einer schmalen Straße, bis sie eine kleine Tankstelle entdeckte. Ein beleuchtetes Gebäude stand neben den Zapfsäulen. Ein Getränkeautomat summte unter einem Vordach.
Felice blieb stehen.
Sie sah den Automaten an.
Dann ihren eigenen Körper.
„Ich hasse Hunger.“
Sie machte noch ein paar Schritte, doch ihre Beine gaben nach. Sie fiel auf die Knie, stützte sich mit den Händen ab und landete schließlich mit dem Oberkörper auf dem kalten Boden.
Für einige Sekunden blieb sie liegen.
Sie hörte ihren Atem. Das leise Summen des Automaten. Ein entferntes Fahrzeug auf der Autobahn.
Sonst nichts.
Sie war ungefähr hundert Kilometer gelaufen.
Und sie war noch am Leben.
6. Hundert Kilometer Freiheit
Als Felice wieder genügend Kraft hatte, sich aufzurichten, fühlte sich ihr Körper schwer und leer an. Ihre Verletzungen waren größtenteils verheilt, aber ihre Energiereserven waren erschöpft. Sie brauchte Nahrung, Wasser und Ruhe.
Sie kroch zum Getränkeautomaten und betrachtete die Auswahl.
Cola. Wasser. Energydrinks.
Sie versuchte, Geld in den Schlitz zu stecken, stellte aber fest, dass sie keines hatte.
Sie starrte das Gerät an.
„Natürlich.“
Sie packte das Gehäuse mit beiden Händen und riss es auf. Metall kreischte, eine Abdeckung sprang heraus, und die Scheibe zerbrach. Flaschen und Dosen polterten zu Boden.
Felice griff nach Wasser und trank hastig. Danach öffnete sie mehrere süße Getränke und nahm sie zu sich. Es war kein vollständiger Ersatz für eine richtige Mahlzeit, aber es war besser als nichts.
Ihr Magen verlangte weiterhin nach Essen.
Neben der Tankstelle stand ein Automat mit Snacks. Auch dieser ließ sich öffnen. Sie nahm Schokoriegel und Chips heraus und aß, ohne sich besonders darum zu kümmern, wie das auf einen Beobachter wirken würde.
Während sie aß, wurde ihr allmählich wärmer. Ihre Muskeln entspannten sich, und die schlimmste Schwäche ließ nach. Die aufgenommene Energie würde nicht sofort sämtliche Reserven auffüllen, aber ihr Körper hatte endlich wieder Material, mit dem er arbeiten konnte.
Sie setzte sich mit dem Rücken an die Wand des Gebäudes.
Der Himmel wurde heller.
Felice betrachtete die Wolken. Sie hörte Vögel, die irgendwo in einem Baum am Straßenrand saßen. Sie roch feuchte Erde, Gras und den Geruch von Kaffee, der aus dem Gebäude drang.
Es waren einfache Dinge.
Aber sie hatte sie vorher nicht gekannt.
Niemand erklärte ihr, was sie tun durfte. Niemand beobachtete sie durch eine Scheibe. Niemand sagte ihr, wann sie schlafen, essen oder sich bewegen sollte.
Sie konnte gehen, wohin sie wollte.
Sie konnte Dinge ausprobieren, die sie noch nie gesehen hatte.
Sie konnte Fehler machen, ohne jemanden um Erlaubnis fragen zu müssen.
Felice nahm einen letzten Bissen von ihrem Schokoriegel und lehnte den Kopf zurück.
„Hundert Kilometer“, sagte sie leise.
Sie schloss die Augen.
Sie wusste nicht, wo sie war. Sie hatte kein Geld, keine Papiere und keinen Plan für den kommenden Tag. Sie wusste nicht, wie die Welt außerhalb des Labors funktionierte oder wie sie sich darin zurechtfinden würde.
Aber sie hatte Zeit.
Und sie hatte die Freiheit, selbst herauszufinden, was sie mit ihr anfangen wollte.
Ein schiefes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
„Na dann. Mal sehen, was es hier draußen so gibt.“
Sie blieb noch eine Weile sitzen, aß und trank, bis ihr Körper genügend Energie hatte, um weiterzumachen. Danach würde sie einen Ort zum Ausruhen finden.
Das Labor lag hundert Kilometer hinter ihr.
Zum ersten Mal in ihrem Leben gehörte ihr die Entscheidung, wohin sie als Nächstes ging.
Und Felice hatte nicht die geringste Absicht, zurückzukehren.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen
Bitte auf die Feedbackregeln achten