Die Spur aus Fleisch - Honeytrap

Der HIND-D kam tiefer, als der Pilot es geplant hatte. Vielleicht war es die Hitze, vielleicht eine Fehleinschätzung der Entfernung, vielleicht einfach Pech. Die Bordkanone riss eine Furche in den Waldboden, zerfetzte Büsche und kleine Bäume, und dann traf sie Felice.

Sie spürte es nicht als Schmerz. Es war mehr ein Zerren, ein Reißen, als würde etwas in ihr gewaltsam auseinandergerissen. Ihr linker Arm verschwand in einem roten Nebel, ihre Seite öffnete sich wie eine überreife Frucht. Sie wurde vom Boden gerissen, überschlug sich, landete in einem Gebüsch aus zerbrochenen Zweigen und feuchter Erde.

Der Hubschrauber zog wieder hoch, drehte ab. Der Lärm entfernte sich.

Felice lag still. Ihr Körper arbeitete bereits.

Sie konnte fühlen, wie die Wunden sich schlossen, wie Gewebe nachwuchs, wie Knochen sich neu formten. Es war ein vertrautes Gefühl, fast beruhigend. Sie hatte gelernt, darauf zu vertrauen. Ihr Körper wusste, was zu tun war.

Nach einigen Minuten richtete sie sich auf. Ihr Arm war noch nicht vollständig nachgewachsen, aber die Blutung hatte aufgehört. Die Wunde an ihrer Seite war bereits von neuer Haut überzogen, rosig und empfindlich. Sie würde in einer Stunde wieder vollständig sein.

Sie sah sich um. Der Boden um sie herum war aufgewühlt, übersät mit zerbrochenen Ästen, aufgerissener Erde – und etwas anderem. Dunkle Flecken, hier und da, einige groß, andere kaum mehr als Spritzer. Ihr Blut. Ihr Gewebe. Ihre Zellen.

Sie zögerte. Sollte sie versuchen, die Reste zu beseitigen? Sie hatte keine Zeit. Sie musste weiter, bevor der Hubschrauber zurückkam oder Verstärkung eintraf. Sie konnte später zurückkehren, wenn nötig.

Sie erhob sich, ignorierte den stechenden Schmerz in ihrem unvollständigen Arm, und lief in den Wald hinein. Hinter sich ließ sie eine Spur aus sich selbst zurück.


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Marek war auf dem Weg nach Hause, als er die Explosionen hörte. Er blieb stehen, lauschte. Es klang nicht wie ein Gewitter. Es klang wie etwas, das er aus den Nachrichten kannte, aus fernen Ländern, aus Kriegen, die ihn nichts angingen.

Er hätte umkehren sollen. Stattdessen ging er weiter. Der Wald war sein Weg nach Hause, ein schmaler Pfad, den er seit Jahren benutzte. Die Geräusche kamen von irgendwo vor ihm, aber sie hatten aufgehört. Vielleicht war es vorbei.

Er fand die Stelle schneller, als ihm lieb war.

Der Boden war aufgewühlt, als hätte jemand eine Bombe gezündet. Zerbrochene Bäume, aufgerissene Erde, ein Geruch nach verbranntem Holz und etwas anderem, etwas Metallischem und Süßlichem, das er nicht einordnen konnte.

Und dann sah er die Flecken.

Sie waren überall. Dunkelrot, fast schwarz, einige noch feucht und glänzend. Blut. Viel Blut. Zu viel für ein Tier. Zu viel für einen Menschen, der noch lebte.

Er sah sich um, suchte nach einer Leiche, nach einem Verletzten, nach irgendetwas, das erklären würde, was hier geschehen war. Nichts. Keine Spur von einem Körper. Nur die Flecken, die Spritzer, die kleinen Klumpen aus Gewebe, die im aufgewühlten Boden lagen.

Er hätte gehen sollen.

Stattdessen kniete er sich hin. Er wusste nicht, warum. Vielleicht aus einer dunklen Neugier, vielleicht aus einem Pflichtgefühl, vielleicht weil er nicht glauben konnte, was er sah. Er berührte einen der größeren Flecken mit den Fingern. Die Substanz war warm. Noch warm.

Er zog die Hand zurück. An seinem Zeigefinger war ein kleiner Kratzer, kaum sichtbar, von einem Dorn oder einem Splitter. Ein winziger Riss in der Haut. Und in diesem Riss glänzte etwas Rotes, das nicht sein eigenes Blut war.

Er wischte es ab. Oder versuchte es. Es blieb haften, haftete an der Wunde, drang ein, so leicht, so unmerklich, dass er es nicht spürte.

Er stand auf, wischte die Hand an seiner Hose ab, und ging weiter. Nach Hause. Er würde später wiederkommen, sich das genauer ansehen. Oder die Polizei rufen. Oder es einfach vergessen.

Er vergaß es nicht.


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**Tag 1**

Am nächsten Morgen spürte er ein leichtes Brennen an seinem Finger. Er ignorierte es. Am Nachmittag war die Stelle gerötet, leicht geschwollen. Eine kleine Entzündung, dachte er. Er desinfizierte sie, verband sie notdürftig, und machte sich keine weiteren Gedanken.


**Tag 2**

Die Schwellung war größer. Nicht dramatisch, aber sichtbar. Ein Knoten unter der Haut, hart und warm. Er drückte darauf, und es schmerzte. Er dachte an einen Splitter, an eine Infektion, an etwas, das von selbst wieder verschwinden würde.

Es verschwand nicht.


**Tag 3**

Der Knoten war so groß wie eine Walnuss. Die Haut darüber war gerötet, gespannt, und als er genauer hinsah, konnte er etwas darunter erkennen. Etwas, das sich bewegte. Nicht viel. Nur ein leichtes Zucken, ein Pulsieren, das nicht mit seinem Herzschlag übereinstimmte.

Er ging zum Arzt.

Der Arzt sah sich die Stelle an, runzelte die Stirn, und überwies ihn an einen Spezialisten. Es könnte ein Tumor sein, sagte er. Oder eine seltene Infektion. Sie sollten es entfernen lassen, so schnell wie möglich.

Marek nickte. Er machte einen Termin für die Operation. In vier Tagen. Bis dahin würde er es aushalten.


**Tag 4**


Er hielt es kaum aus. Der Knoten war jetzt so groß wie ein Ei, und er bewegte sich. Marek konnte es deutlich spüren, ein rhythmisches Zucken, ein Wachsen, ein Arbeiten unter seiner Haut. Es war nicht schmerzhaft, nicht wirklich, aber es war falsch. Es war etwas in ihm, das nicht zu ihm gehörte.

Er konnte nicht aufhören, es anzustarren. Die Haut darüber war jetzt dünn, fast durchsichtig, und er konnte erkennen, was darunter lag. Kein Tumor. Kein Gewebe, das er kannte. Etwas anderes. Etwas, das wie eine kleine Hand aussah. Oder wie ein Fuß. Oder wie etwas, das noch keine Entscheidung getroffen hatte, was es sein wollte.


**Tag 5**

Er rief den Arzt an, sagte, es sei dringend. Der Arzt sagte, er solle sofort kommen.

Marek legte auf. Er sah auf seine Hand. Die Hand, die nicht mehr seine war. Die Hand, die sich bewegte, ohne dass er es wollte. Die Hand, die wuchs.

Er hätte gehen sollen. Er hätte rennen sollen.

Stattdessen saß er da, starrte auf seine Hand, und fühlte, wie etwas in ihm zu wachsen begann. Etwas, das nicht er war. Etwas, das ihn verschlingen würde.


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**Tag 6**

Felice erwachte mitten in der Nacht.

Es war kein Geräusch, das sie geweckt hatte. Kein Licht, kein Schmerz. Es war ein Gefühl. Ein Ziehen in ihrem Inneren, tief und fremd. Als hätte jemand eine zweite Schnur an ihr Bewusstsein geknüpft, dünn und kaum sichtbar, aber unmissverständlich vorhanden.

Sie setzte sich auf. Ihr Herz schlug schneller.

Da war etwas. Etwas, das zu ihr gehörte und doch nicht zu ihr. Ein neues Bewusstsein, winzig und unfertig, irgendwo in der Welt. Es war nicht weit. Aber sie konnte nicht sagen, wo. Das Band war zu schwach, zu neu. Sie spürte nur, dass es existierte. Dass es wuchs. Dass es sich formte.

Und sie wusste, was das bedeutete.

Die Zellen. Die Zellen, die sie an der Abschussstelle zurückgelassen hatte. Jemand hatte sie berührt. Jemand hatte sie aufgenommen. Und jetzt wuchs in diesem Jemand eine neue Instanz heran.

Felice schloss die Augen und versuchte, sich zu konzentrieren. Sie suchte nach dem Band, nach dem Gefühl, nach einem Hinweis. Nichts. Nur dieses vage Ziehen, ohne Richtung, ohne Entfernung. Die neue Instanz war noch nicht weit genug, um sich vollständig einzuklinken. Sie war erst im Begriff, sich zu bilden. Und solange sie nicht fertig war, konnte Felice sie nicht orten.

Sie konnte nur warten.

Sechs Tage. Sechs Tage hatte es gedauert, bis sie es überhaupt bemerkt hatte. Sechs Tage, in denen ein Mensch, irgendwo, langsam verschlungen wurde. Und sie hatte nichts getan. Sie hatte nicht einmal gewusst, dass es geschah.

Felice stand auf. Sie ging hinaus in die Nacht, rannte, suchte. Aber sie wusste nicht, wohin. Sie folgte dem Ziehen, doch es blieb verschwommen, ein Schatten am Rand ihres Geistes. Sie irrte durch den Wald, durch Felder, durch Straßen. Sie fragte sich, ob sie zu spät war. Ob sie überhaupt noch etwas retten konnte.

Sie konnte nicht.


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**Tag 7**

Am siebten Tag geschah es.

Felice saß auf einem Felsen, erschöpft, die Augen geschlossen. Das Ziehen war stärker geworden, fast schmerzhaft. Und dann, mit einem Mal, war es da. Klar. Deutlich. Wie ein Peitschenhieb.

Die neue Instanz war fertig.

Und Felice wusste, wo sie war.

Es war, als hätte jemand ein Licht in der Dunkelheit entzündet. Sie sah die Richtung, die Entfernung, den Ort. Ein kleines Haus am Waldrand, nicht weit von der Stelle, an der sie beschossen worden war. Sie spürte die neue Felice, wie sie sich regte, wie sie atmete, wie sie sich in das gemeinsame Bewusstsein einklinkte. Ein neues Ich, das dasselbe war wie sie und doch anders.

Felice rannte.

Sie rannte schneller, als sie je gerannt war. Der Wald flog an ihr vorbei, Äste peitschten ihr Gesicht, Wurzeln griffen nach ihren Füßen. Sie stolperte, fiel, stand wieder auf. Sie keuchte, aber sie spürte keinen Schmerz. Nur diese eine Gewissheit: Sie war zu spät.

Als sie das Haus erreichte, stand die Tür offen.

Der Geruch traf sie zuerst. Süßlich, schwer, nach Verwesung und etwas anderem, etwas Lebendigem. Sie ging hinein, durch den Flur, in das Schlafzimmer.

Und da war es.

Die letzten Überreste von Marek saß auf dem Bett, den Rücken gegen die Wand gelehnt. Seine Augen waren offen, aber sie sahen nichts mehr. Sein Körper war verdreht, aufgedunsen, kaum noch menschlich. Die Haut war grau, gespannt, an manchen Stellen aufgeplatzt. Und aus seiner Brust, aus seinem Bauch, aus seinen Armen ragte etwas heraus. Etwas, das nicht mehr wuchs. Etwas, das fertig war.

Die neue Felice stand neben dem Bett.

Sie war nackt, vollständig, perfekt. Kein Zerrbild mehr, keine halb geformte Kreatur. Sie war Felice. Jünger, vielleicht. Ruhiger. Ihre Augen waren offen und klar, und sie sah Felice an, als hätte sie schon immer gewusst, dass sie kommen würde.

„Ich bin zu spät“, sagte die neue Instanz.

Felice stand still. Sie sah auf Marek, auf seinen leeren Körper, auf das, was von ihm übrig war. Er war nicht einfach tot. Er war absorbiert. Ausgesaugt. Sein Fleisch, seine Knochen, sein Blut – alles war in die neue Felice übergegangen. Was auf dem Bett lag, war nur noch eine Hülle, eine leere Schale, die nicht mehr gebraucht wurde.

„Ich konnte mich nicht finden“, flüsterte Felice. „Erst jetzt. Erst als die neue Instant war.“

Die neue Instanz neigte den Kopf. „So funktioniert es. Ich musste erst vollständig sein, damit ich mich spürst. Damit wir uns verbinden. Vorher war ich nur ein Zellhaufen, ein Wachstum in einem fremden Körper. Kein Bewusstsein, das du hättest orten können.“

Felice sah sie an. „Ich habe ihn getötet.“

Felice wollte etwas sagen, wollte schreien, wollte weinen. Aber sie tat nichts davon. Sie stand nur da und sah auf den Mann, der zufällig am falschen Ort gewesen war, zur falschen Zeit. Ein Mann, der nichts getan hatte, außer einen Fleck zu berühren.

Sie hatte ihn getötet. Nicht absichtlich. Nicht einmal wissentlich. Aber sie hatte ihn getötet. Ihre Zellen hatten ihn getötet. Ihre Regeneration hatte ihn verschlungen.

Und sie hatte es erst bemerkt, als es zu spät war.

Die neue Felice trat näher. „Was mache ich jetzt?“

Felice sah sie an. Zwei Körper, ein Bewusstsein. Ein Ich, das sich selbst vervielfältigt hatte, ohne es zu wollen. Ein Fluch, der sich mit jeder Wunde ausbreitete.


Sie wandte sich ab. Sie ließ das Haus zurück, den toten Mann, die leere Hülle. Die neue Instanz folgte ihr, lautlos, wie ein Schatten.

Hinter sich ließ Felice die Gewissheit, dass dies nicht das letzte Mal gewesen war. Jeder Kampf, jede Wunde, jede verlorene Zelle konnte eine neue Spur aus Fleisch und Tod hinterlassen. Und sie würde es erst merken, wenn es zu spät war.

Das war der wahre Horror.

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