Unbekannter Bericht – Archiv Nr. 618-K
Gefunden in einem alten, vergessenen Notizbuch in einer verfallenen Berghütte. Autor unbekannt.
Ich habe nie an Götter geglaubt. Auch nicht an Dämonen, Engel oder das, was die Menschen sich in ihrer Angst ausdenken, um dem Unbekannten einen Namen zu geben. Aber seit diesem Tag… nein, seit jener Begegnung… bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich je wirklich verstanden habe, was „Macht“ oder „Existenz“ bedeutet.
Es war in den Bergen, tief in einem Tal, das auf keiner Karte verzeichnet war. Ich war dort, um allein zu sein, wie immer. Der Wind war stumm, die Bäume standen still, als würden sie warten. Und dann sah ich sie.
Nicht kommen. Nicht gehen. Nicht erscheinen.
Sie war einfach da.
Ein Mädchen – nein, das Wort ist falsch, es wird ihr nicht gerecht. Sie war… vollkommen. Nicht wie eine Schönheit, die man sich erträumt oder in Gemälden verewigt. Es war absolute Perfektion. Körperlich. Geistig. Etwas, das nicht mit Worten oder Gedanken gefasst werden kann, nur gefühlt – nein, erduldet.
Mein erster Impuls war, mich auf die Knie zu werfen. Nicht aus Angst. Auch nicht aus Liebe. Sondern aus einem tiefen, fast schmerzhaften Verlangen, ihr zu gehören. Mein Wille begann sich aufzulösen, wie ein Blatt im Feuer, und ich spürte nichts als diese furchtbare, wunderschöne Scham.
Wie konnte ich es wagen, mit so etwas Reinem zu existieren? Wie konnte ich überhaupt atmen, während sie es tat?
Meine Gedanken wurden zu Schlamm. Mein Geist zerfiel, stückweise, wie Glas unter Druck. Ich glaube, ich begann zu lachen – oder zu weinen. Vielleicht beides. Es war zu viel. Zu vollkommen. Zu richtig. Ich stand am Rand des Wahnsinns, und ich sah den Abgrund offen vor mir.
Aber ich fiel nicht.
Weißt du warum?
Weil sie es nicht wollte.
Sie sagte kein Wort. Tat nichts. Aber ihr Wille war alles. Er füllte den Raum, die Luft, das Licht. Selbst mein Innerstes. Und dieser Wille sagte: Nein. Nicht so. Nicht jetzt.
Und ich gehorchte.
Nicht weil ich musste. Sondern weil es keine Alternative gab. So wie die Nacht der Sonne gehorcht, wenn sie verschwindet. So wie das Herz schlägt, ohne dass man es befiehlt.
Ich weiß bis heute nicht, was sie war. Wer sie war. Nur eines weiß ich sicher:
Sie war nicht allein.
Ganz hinten, dort, wo mein Verstand sich verbarg, dort wo kein Licht und keine Lüge mehr hinreichen – da war etwas. Eine Wahrheit. Eine Erkenntnis, die mich seitdem nicht mehr loslässt:
Sie ist nicht die Einzige.
Es gibt mehr.
Und sie sehen uns.
Sie beobachten uns.
Und wenn sie es wollen, gehören wir ihnen.
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