SOLDAT #2
Die Stille des verlassenen Gebäudes war fast bedrückend. Nur das entfernte Tropfen von Wasser und das gelegentliche Knarren von altem Holz durchbrachen die Dunkelheit. Eva bewegte sich vorsichtig weiter durch die leeren Gänge, vorbei an abgeblätterten Wänden und Türen, die schief in ihren Angeln hingen. Der Staub in der Luft kitzelte in ihrer Nase, doch sie ignorierte es. Ihre Gedanken waren woanders.
Sie versuchte, sich zu erinnern. An irgendetwas. An irgendwen. Doch es war wie ein dichter Nebel in ihrem Kopf. Jedes Mal, wenn sie glaubte, eine Erinnerung greifen zu können, glitt sie ihr wieder durch die Finger.
Ihr Blick wanderte über ihre Hände. Ihre Finger waren schmal, doch kräftig. Als sie vorhin durch eine Tür getreten war, die klemmte, hatte sie kaum Anstrengung gebraucht, um sie aufzustoßen. Und das Gewicht der kaputten Metallplatte, die sie beiseitegeschoben hatte – es hatte sich zu leicht angefühlt. Viel zu leicht.
>>War ich schon immer so stark? <<
Sie streckte die Arme aus, ballte die Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder. Sie fühlte sich… anders. Kraftvoll. Ihre Schritte waren federnd, leichtfüßig, als wäre ihr Körper perfekt ausbalanciert. Sie hatte keinen Durst, keinen Hunger. Ihr Atem ging gleichmäßig, als wäre sie gerade erst aufgewacht – doch sie hatte sich viel bewegt. Müsste sie nicht außer Atem sein?
>>Was ist mit mir passiert? <<
Sie betrat einen weiteren Raum. Die alten Neonlampen an der Decke flackerten schwach, spendeten jedoch kaum Licht. Regale, in denen einst vermutlich Ordner standen, waren leer oder umgestürzt. Der Boden war übersät mit vergilbten Papieren. Sie bückte sich und hob eines auf.
„...Ergebnisse unzureichend. Subjekt zeigt erhöhte Regenerationsfähigkeit, jedoch keine klare Manifestation telekinetischer Kräfte. Weitere Tests erforderlich. Kontrolle bleibt problematisch...“
Sie las die Zeilen mehrmals. Ihr Herz schlug schneller.
>>Subjekt. Kontrolle problematisch. War ich gemeint? <<
Eva biss sich auf die Lippe. Das Wort „Telekinese“ tauchte erneut auf. Hatte sie…? War sie dazu fähig? Sie versuchte, sich zu erinnern, schloss die Augen und konzentrierte sich. Sie spürte nichts. Nichts bewegte sich. Keine Kraft regte sich in ihr.
Ein weiterer Erinnerungsfetzen zuckte durch ihren Verstand.
Sie lief. Ihr Atem ging schnell, ihre Beine trugen sie über einen Waldweg. Blätter wirbelten unter ihren Füßen auf. Das rhythmische Klopfen ihrer Schuhe auf dem Boden war ihr beruhigender Begleiter. Sie war nicht allein. Da war jemand neben ihr – ein Gesicht, verschwommen, aber vertraut. Sie lachte, fühlte sich leicht. Dann plötzlich – Schreie. Ein Schatten. Hände, die sie packten. Ein Ruck. Dunkelheit.
Eva riss die Augen auf. Ihr Herz schlug heftig in ihrer Brust.
>>Ich wurde entführt. <<
Die Erkenntnis traf sie mit voller Wucht. Sie taumelte einen Schritt zurück und atmete tief durch. Ihre Hände zitterten leicht. Das war echt. Das war keine Fantasie.
Sie brauchte mehr Informationen. Hektisch durchwühlte sie die verstreuten Dokumente, suchte nach weiteren Hinweisen. Viele Seiten waren unleserlich, verbrannt oder durch Feuchtigkeit zerstört. Schließlich fand sie ein halb zerfetztes Blatt mit dem Titel „Subjekt-Analyse: Statusbericht“.
„...physische Optimierung erfolgreich. Muskelstruktur und neuronale Reaktionsgeschwindigkeit signifikant gesteigert. Regeneration überdurchschnittlich. Gehorsam nicht gewährleistet…“
Eva starrte auf die Worte. Physische Optimierung. Ihre Muskeln, ihre Reflexe – all das war verändert worden?
>>Ich bin also kein normaler Mensch mehr. <<
Ein Schauder lief ihr über den Rücken.
Ihr Blick fiel auf einen weiteren Absatz, doch der Text war durchgestrichen und mit dicken Linien geschwärzt. Nur ein paar Worte waren noch lesbar.
„…unvorhersehbare Nebenwirkungen… mögliches Bewusstsein für… Kontrolle verloren… Potenzial nicht abschätzbar…“
Eva runzelte die Stirn. Nebenwirkungen? Kontrolle verloren? Meinten sie sie? Was hatten sie mit ihr gemacht?
Ein weiteres Bild flackerte vor ihrem inneren Auge auf.
Sie lag auf einer kalten Liege, das Licht über ihr war grell. Stimmen summten um sie herum. Ein Mann mit Brille und kühlem Blick sprach mit jemandem. Sie versuchte, sich zu bewegen, doch ihr Körper war taub. Ein Piepen ertönte. Dann Schmerz. Ein stechendes Brennen in ihren Adern. Sie wollte schreien, aber konnte es nicht.
Wieder wurde alles schwarz.
Eva schnappte nach Luft. Ihre Knie gaben fast nach. Sie musste sich an einem der Regale festhalten, um nicht zu stürzen. Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn.
Langsam begriff sie, was hier passiert war.
Sie waren dabei gewesen, jemanden zu erschaffen. Einen perfekten Soldaten. Eine lebendige Waffe.
Und sie war es.
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