Meine Schwester..... #6
Tagebuch des 6. Juni
Autor: Elias
Heute in der Mittagspause habe ich Clara von Weitem beobachtet – nicht absichtlich, zumindest nicht bewusst. Ich kam gerade vom Bus und blieb stehen, einfach so, wie automatisch.
Sie stand inmitten einer Gruppe von Schülern, einige aus ihrer Klasse, andere deutlich älter.
Und alle… lachten. Hörten ihr zu.
Sie – sie – war der Mittelpunkt.
Clara, die früher schüchtern war, immer ein bisschen abseits.
Clara, die nie Anschluss hatte.
Jetzt umgeben von Menschen, als wäre sie der Kern eines eigenen kleinen Universums.
Und keiner scheint es merkwürdig zu finden.
Keiner fragt, warum sich ihr Auftreten in so kurzer Zeit verändert hat.
Warum sie plötzlich strahlt, wortwörtlich – nein, nicht leuchtend im physikalischen Sinn, aber es ist… es ist, als wäre sie aus einem weicheren Licht gemacht als der Rest von uns.
Warme Haut, klarer Blick, jedes Wort von ihr klingt überlegt, bedeutungsvoll.
Und sie verändert sich noch immer.
Täglich.
Nicht sprunghaft, aber sichtbar.
Ihre Gesichtszüge – wie mit feinem Werkzeug veredelt.
Die Augen – tiefer, fast als würden sie einen kennen, bevor man auch nur den Mund öffnet.
Die Wimpern dichter, länger.
Die Lippen – voller, wie sanft geschwungen.
Göttlich.
Das Wort kam mir heute, als ich sie ansah.
Ich habe es sofort verflucht. Was für ein dummer, übertriebener Gedanke.
Sie ist ein Mädchen. Ein Mensch.
Meine Schwester.
Aber… es ist nicht nur mein Gedanke.
Ich habe zwei Jungs aus ihrer Klasse heute reden hören.
„Clara ist einfach… perfekt geworden, oder?“
„Wie so ‘ne Königin. Die könnte dir sagen, du sollst barfuß zur Schule kommen, und du würdest’s machen.“
Dann Gelächter. Bewunderung. Keine Ironie.
Sie wird verehrt.
Nicht geliebt, nicht gemocht – verehrt.
Und das kam nicht langsam, nicht über Monate.
Es ist neu. Es ist jetzt.
Und niemand sagt etwas. Niemand fragt.
Nicht die Lehrer, nicht die Schüler. Nicht mal unsere Eltern.
Vielleicht ist es ihnen egal.
Oder… vielleicht ist da etwas, das verhindert, dass sie es sehen?
Ich weiß es nicht.
Ich habe vorhin versucht, sie zu beschreiben. Für mich selbst. Nur um zu verstehen, was genau sich verändert. Und ich habe nicht gemerkt, wie viele Worte ich benutzt habe. Wie sehr ich ins Detail ging.
Hautfarbe: heller, aber nicht blass – wie zartes Porzellan mit einem warmen Schein darunter.
Hände: länger, schlanker, fast elegant in jeder Bewegung.
Stimme: weich, klar, ein bisschen tiefer als früher – beruhigend.
Hals: länger? Nein, vielleicht nicht. Oder doch? Einfach… aufrechter.
Ich hab’s gelesen, als ich fertig war. Und ich hab mich geschämt.
Das ist krank.
Oder?
Oder ist es nur… der Versuch, etwas Unbegreifliches zu greifen?
Ich weiß nicht mehr, ob ich einfach nur fasziniert bin –
…oder längst verloren.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen
Bitte auf die Feedbackregeln achten