Meine Schwester...... #5
Tagebuch des 3. Juni
Autor: Elias
Ich zögere, das hier zu schreiben.
Weil es falsch ist. Oder sich zumindest falsch anfühlt.
Aber ich kann nicht lügen – nicht mal vor mir selbst.
Clara hat sich verändert. Und zwar sichtbar.
Es sind nur ein paar Tage vergangen… aber sie ist gewachsen.
Nicht nur ein bisschen. Nicht wie Kinder eben wachsen.
Sie ist größer – deutlich. Früher ging sie mir knapp bis zur Schulter. Jetzt… ist sie fast auf Augenhöhe. Vielleicht fehlen noch ein paar Zentimeter, aber es fühlt sich an, als würde sie mich bald überragen.
Und nicht nur die Größe. Alles an ihr ist… mehr.
Ihre Figur, ihre Haltung, ihr Gesicht.
Früher war sie eher schmal gebaut, bisschen zierlich. Große Augen, schiefe Zähne, wuschelige Haare – irgendwie süß, aber halt noch ein Kind.
Jetzt?
Jetzt sieht sie aus wie jemand, den man auf der Straße zweimal ansieht.
Ihre Züge sind klarer, ihre Haut fast makellos. Die Haare fallen anders, irgendwie schwerer, glänzender.
Ihr Gang ist ruhig, aber kraftvoll.
Und… ja. Ihre Formen sind anders. Reifer. Ich hasse es, das so zu formulieren, aber ich finde keine anderen Worte.
Ich hab sie heute beim Frühstück heimlich angestarrt. Nicht absichtlich, wirklich nicht. Aber meine Augen sind immer wieder zu ihr zurückgewandert.
Sie hat’s nicht kommentiert.
Vielleicht hat sie’s gemerkt.
Vielleicht auch nicht.
Und ich… ich weiß nicht, was ich darüber denken soll.
Es ist falsch. Sie ist meine Schwester.
Ich sollte nicht so über sie denken. Nicht so über sie schreiben.
Aber ich denke ja gar nichts in dem Sinne – es ist nur… dieses Wissen, dass sie schöner ist. Objektiv.
Einfach schöner.
Und ich kann’s nicht ausblenden.
Sie schläft kaum noch. Ich höre sie nachts noch wach, ihr Licht an. Morgens ist sie die Erste im Bad, hellwach. Keine Müdigkeit in den Augen, kein Gähnen, kein schweres Schlurfen.
Früher hat sie gejammert, wenn sie zu früh aufstehen musste.
Jetzt wirkt sie, als würde sie gar keinen Schlaf mehr brauchen.
Ich hab versucht, sie darauf anzusprechen – beiläufig, vorsichtig.
Sie hat nur gelächelt. Dieses neue, selbstsichere Lächeln.
„Ich fühl mich einfach nicht mehr so müde wie früher.“
Als wäre das alles ganz normal.
Vielleicht ist es das ja auch.
Vielleicht durchlebt sie nur irgendwas Besonderes.
Oder vielleicht…
…vielleicht war der Stein der Anfang.
Und ich bin der Einzige, der wirklich sieht, was passiert.
Aber dann frag ich mich:
Bin ich noch Beobachter? Oder bin ich längst Teil davon geworden?
Bin ich Bruder? Oder Zeuge?
Oder irgendwas dazwischen?
Es ist zu viel.
Viel zu viel.
Aber ich kann nicht wegsehen.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen
Bitte auf die Feedbackregeln achten