Meine Schwester..... #4
Tagebuch des 30. Mai
Autor: Elias
Ich bin ihr gefolgt. Ja, ich weiß, wie das klingt – wie ein Spanner, ein Kontrollfreak, oder schlimmer. Aber ich musste es wissen. Musste sehen, ob ich mir das alles nur einbilde.
Clara ist heute Nachmittag einfach rausgegangen. Ohne Bescheid zu sagen, was bei ihr eher ungewöhnlich ist. Sie ist zielstrebig gelaufen, nicht einfach nur rumgebummelt wie sonst. Und ich hatte dieses Gefühl... so ein inneres Ziehen. Als müsste ich ihr folgen.
Also hab ich’s getan. Leise, mit ein paar Metern Abstand. Ich war sicher, dass sie mich nicht bemerkt hat – aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie es trotzdem wusste. Sie hat sich nie umgedreht, nie gezögert, nie gesucht, aber es war da. Dieses fast spielerische Wissen, dass jemand hinter ihr ist.
Und dann ist sie in ein Stück Wald abgebogen, das ich nicht kannte. Ich. Ich, der hier aufgewachsen ist, der jeden Baum, jeden Trampelpfad kennt. Aber dieser Weg… war neu. Als hätte er nur für sie existiert.
Er führte zu einer Lichtung, die so still war, dass man das eigene Atmen zu laut fand. Und was ich dort sah – ich weiß nicht, wie ich es in Worte fassen soll.
Sie stand dort in der Mitte, mit dem Stein in der Hand. Der leuchtete schwach, fast wie pulsierender Atem. Und dann… hob sie die Arme. Nicht dramatisch, nicht übertrieben – einfach ruhig.
Und Blätter begannen sich zu bewegen, nicht vom Wind, sondern wie gezielt gelenkt. Ein kleiner Fels hob sich einige Zentimeter vom Boden, langsam, schwerelos.
Ich dachte erst, es sei irgendein Trick. Vielleicht hab ich’s mir auch eingebildet. Aber dann ging sie barfuß über den Bach – wortwörtlich. Ihre Füße berührten das Wasser, aber sie versanken nicht. Kein Platschen. Kein Nasswerden. Sie ging einfach darüber, als wäre es fester Boden.
Ich bin dann zurück. Hab mich fast übergeben, nicht weil es widerlich war – sondern weil ich plötzlich so viele Fragen hatte, dass mir schlecht wurde.
Was ist sie?
Was ist dieser Stein?
Was, wenn ich derjenige bin, der nicht mehr funktioniert?
Heute Abend hab ich versucht, den Stein aus ihrem Regal zu nehmen. Ich wollte ihn verstecken. Ehrlich. Ich hatte den Plan, ihn in der Garage einzuschließen oder in den Fluss zu werfen.
Aber ich hab’s nicht geschafft. Ich stand davor… und meine Hand hat gezögert. Irgendwas in mir hat geschrien, dass ich es nicht tun soll. Keine Angst, kein Zwang – eher eine… tiefe Überzeugung. Wie ein inneres Nein, das nicht von mir kam.
Ich frage mich inzwischen, ob ich verrückt werde.
Oder ob ich etwas Heiliges gestört habe.
Oder… ob ich etwas sehen darf, das niemand sonst sehen soll.
Bin ich nur besorgt?
Oder schon besessen?
Oder ist es keine Obsession, sondern einfach die Wahrheit, die sich langsam zeigt?
Ich weiß es nicht mehr.
Aber ich schreibe weiter. Ich muss.
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