Meine Schwester.... #1
Tagebuch des 24. Mai
Autor: Elias
Ich weiß gar nicht, warum ich überhaupt wieder angefangen hab, Tagebuch zu schreiben. Vielleicht, weil mir all das irgendwie zu seltsam vorkommt. Vielleicht auch, weil ich das Gefühl hab, dass noch etwas viel Größeres kommt, etwas, das man später vielleicht rekonstruieren muss. Und falls ich der Einzige bin, der sich daran erinnern kann, will ich es zumindest aufgeschrieben haben.
Heute war eigentlich ein ganz normaler Samstag. Papa war auf Arbeit, Mama beim Einkaufen, und ich hatte wie immer das Vergnügen, auf meine kleine Schwester Clara aufzupassen. Sie ist jetzt zwölf, und obwohl sie manchmal echt nervt, ist sie eigentlich ganz cool. Viel zu neugierig, viel zu clever für ihr Alter, aber na ja, typisch Clara eben.
Am Nachmittag sind wir im Wald unterwegs gewesen, bei der alten Ruine hinter dem Bach. Wir kennen den Ort eigentlich in- und auswendig, aber heute war es anders. Clara hat an einer Stelle gestoppt, wo sonst einfach nur Moos und Steine lagen. Ich hab zuerst gedacht, sie hat wieder irgendeine Ameisenstraße entdeckt oder einen glitschigen Frosch – aber nein.
„Da liegt was. Guck mal!“ hat sie gesagt, während sie auf ein Loch in der Erde deutete. Ich musste zweimal hinsehen. Da lag wirklich was – ein rundlicher Stein, etwa faustgroß, fast schwarz, aber mit goldenen Adern durchzogen, als wäre er innen irgendwie am Glühen. Und das Seltsamste: Er war warm. Kein bisschen kalt, obwohl er tief in der Erde lag.
Clara hat ihn aufgehoben, bevor ich was sagen konnte. Und ich schwöre bei allem, was mir heilig ist – in dem Moment, als sie ihn berührte, hat sich was verändert. Die Luft wurde schwer, fast elektrisch. Wie vor einem Gewitter. Ihre Haare haben sich leicht aufgestellt, als würden sie von unsichtbarer Energie angezogen. Sie hat mich nur angeschaut, mit diesem Blick… einem viel zu ruhigen Blick.
„Der fühlt sich lebendig an“, hat sie geflüstert.
Ich hab gesagt, sie soll ihn wieder hinlegen, aber sie hat ihn nur fest an sich gedrückt und gelächelt. Nicht verspielt oder kindlich – sondern irgendwie… wissend. Als wüsste sie etwas, das ich nicht weiß.
Später am Abend, als sie sich zum Schlafen hingelegt hat, hab ich noch mal nach ihr gesehen. Sie schlief sofort ein, aber – und das klingt jetzt total verrückt – ich könnte schwören, dass ihr Gesicht irgendwie… anders aussieht. Glatter. Symmetrischer. Und ihre Augen schienen im Halbdunkel fast zu leuchten.
Ich hab keine Erklärung dafür. Vielleicht war’s nur das Mondlicht. Vielleicht auch nicht.
Ich werd das weiter beobachten. Irgendwas stimmt hier nicht. Irgendwas hat sich heute verändert.
Und ich hab das Gefühl, es war erst der Anfang.
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