Der Golembeschwörer #13

Kapitel: Das Flüstern des Waldes

Der Morgen war noch jung, als sich die kleine Gruppe auf den Weg machte. Die Sonne kroch tastend über die Baumwipfel und sandte goldene Finger durch das dichte Blätterdach. Frisches Laub unter ihren Stiefeln, das Knacken von Zweigen und das leise Rascheln des Waldes waren die einzigen Geräusche, die ihre Schritte begleiteten – zumindest anfangs.

Serenya ging voraus. Ihr Blick war scharf, wachsam. Die Halbelfe bewegte sich mit der Leichtigkeit eines Tieres, als wäre sie Teil dieses Waldes, als hätte sie in den Schatten der Bäume gelebt. Ihre Hand ruhte am Griff ihres Schwertes, doch ihr Körper war entspannt – aufmerksam, aber nicht ängstlich.

„Hier entlang“, sagte sie schließlich und deutete mit einer kurzen Bewegung auf einen schmalen Trampelpfad, kaum mehr als eine Spur, die Tiere über die Jahre in den Boden gegraben hatten. Farn und Moos wucherten beidseitig des Weges. Man konnte sehen, dass hier seit Langem kein Mensch mehr gegangen war – oder niemand, der zurückgekehrt ist.

Leina war dicht bei Feriks. Ihre Präsenz war, wie so oft, von einer ruhigen Autorität erfüllt. Ihr Blick streifte wachsam die Schatten zwischen den Bäumen, und obwohl sie kein Wort sagte, war klar, dass sie ebenfalls spürte, was Feriks schon seit Minuten beunruhigte: Etwas beobachtete sie.

Nicht direkt, nicht greifbar – aber wie ein Flimmern am Rande des Verstandes, ein Schauder im Nacken, der sich nicht abschütteln ließ. Geräusche schienen sich im Unterholz zu verdichten: das ferne Knacken eines Astes, das leise Schnauben eines Tieres, das nie auftauchte. Schatten huschten am Rand der Sicht – zu schnell, zu still, um eindeutig zu sein.

„Wir sind nicht allein“, murmelte Feriks schließlich.

„Nein“, antwortete Leina. „Aber sie zeigen sich nicht. Noch nicht.“

Die Rune, die sie einst aus der Hütte der Hexe entwendet hatten, begann schwach zu pulsieren, während Leina sie in der Hand hielt. Ihre Finger glitten über die Gravur, sie murmelte ein paar alte Worte, kaum hörbar. Dann nickte sie. „Schutzkreis aktiv. Für den Moment.“

„Wie lange hält das?“ fragte Serenya, die nun stehengeblieben war und sich umsah.

„Ein paar Stunden. Vielleicht weniger, wenn etwas stark genug ist.“

„Dann sollten wir weiter.“

Die Sonne stieg höher, doch unter dem dichten Blätterdach wurde es kaum heller. Der Wald wirkte, als würde er ihr Voranschreiten zäh beobachten, als hätte er eine eigene Meinung dazu. Uralte Bäume reckten sich in die Höhe, ihre Stämme so dick, dass zehn Männer sie nicht umfassen konnten. Flechten und Pilze krochen an der Rinde empor, und das Licht fiel gefiltert durch schimmerndes Grün.

Einmal hielten sie inne, als ein keuchender Atem in der Ferne hörbar wurde – kurz, als würde ein Tier angreifen wollen, dann wieder verschwunden. Serenya hob die Hand, bereit, sich dem Geräusch zu stellen, doch nichts geschah. Nur ein leiser, zischender Wind streifte durch das Unterholz. Die Gruppe war still, jeder horchte in die Stille hinein, die fast greifbar war.

„Ich habe von Wesen gehört, die sich nicht zeigen, aber beobachten“, flüsterte Feriks. „Späher aus der Anderswelt. Oder Tiere, die klüger sind, als sie aussehen.“

Leina blickte ihn an. „Oder beides.“

Nach etwa einer Stunde, in der das Gefühl der Beobachtung nicht nachließ, wurde der Wald plötzlich ruhiger. Die Geräusche verschwanden. Kein Vogelruf, kein Rascheln mehr. Nur Stille. Und Kühle.

Dann entdeckten sie sie.

Eingebettet in eine kleine Senke lag ein dunkles Loch im Gestein, fast überwachsen von Moos und Wurzeln. Felsen bildeten einen engen Eingang, der sich unter einem gewundenen Baum zu ducken schien – als würde er die Höhle verbergen wollen. Ein schwacher Hauch wehte ihnen aus der Öffnung entgegen – kühl, feucht, uralt.

„Natürlich muss es eine Höhle sein“, sagte Feriks mit leichtem, bitterem Spott und stemmte die Hände in die Hüften.

„Hast du gedacht, das Böse macht es uns leicht?“ meinte Serenya und schob mit dem Schwert einige Ranken zur Seite, um einen besseren Blick hineinzuwerfen.

Leina trat näher und ließ ihre Finger über den Stein gleiten. „Hier wurde Magie gewirkt“, sagte sie leise. „Schon vor langer Zeit. Es liegt etwas Altes darin.“

„Und vermutlich nicht freundlich“, murmelte Feriks.

Leina richtete sich auf. „Wir sollten vorsichtig sein. Aber wenn die Dorfbewohner... wenn sie durch ein Tor oder ein Ritual geholt wurden, dann könnten die Ursprünge hier liegen.“

„Und wenn nicht?“ fragte Serenya.

„Dann lernen wir vielleicht trotzdem etwas.“

Ein leises Seufzen wie aus weiter Tiefe antwortete ihnen – oder war es nur der Wind? Feriks sah sich noch einmal im Wald um. Die Schatten hatten sich zurückgezogen, doch das Gefühl, dass Augen auf ihnen ruhten, war geblieben.

„Gehen wir rein“, sagte er schließlich. Und einer nach dem anderen traten sie in die Dunkelheit.

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