Der Golembeschwörer #12

 

Kapitel: Im Staub der Klingen

Die Hufe des fliehenden Pferdes waren längst verstummt, aber der Staub in der Luft lag noch schwer über dem Feldweg. Am Rande des Waldes stand ein umgestürzter Wagen – zersplittert, mit durchgeschnittenen Leinen, und ringsherum verstreut lagen Kisten, zerrissene Decken, der Inhalt eines zerborstenen Handelslebens.

Und um ihn herum: Schreie, metallisches Klirren – ein Ring aus Chaos.

Feriks, Leina und der Golem standen auf einer Anhöhe, verborgen hinter niedrigem Gebüsch. Von hier aus sahen sie es klar: Mindestens fünf Angreifer. Zwei mit groben, ledernen Rüstungen, die eher an Tierhäute erinnerten als an menschliche Machart. Ihre Körper waren krumm, zu kurz für Orks, zu bullig für Menschen – mit groben Zähnen und fahlen Augen. Goblins. Und in ihrer Mitte: ein größerer, maskierter Anführer mit einem um den Hals geschlungenen Knochenkranz.

„Die greifen gezielt Händler an,“ murmelte Feriks.

„Und das da ist kein Zufall,“ sagte Leina, während sich ihre Augen lichteten. „Dunkle Magie liegt über ihnen.“

„Was schlagen wir vor?“

„Der Golem geht zuerst. Hält sie beschäftigt. Ich bereite ein Siegel vor. Es schwächt sie, solange sie sich darin bewegen.“

Feriks nickte, zog sein Schwert. Es glänzte silbrig in der Morgensonne, aber seine Hände zitterten leicht. „Und ich?“

„Du hilfst, wo du kannst.“ Leina legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Dein Mut reicht weiter als Technik.“

Ein letzter Blick, ein stilles Nicken – dann stürmte der Golem los. Wie ein donnerndender Wächter stampfte er über die Wiese. Die Erde bebte unter seinen Füßen. Die Goblins schrieen auf, drehten sich um, doch der erste wurde bereits von der massiven Faust des Golems erwischt. Ein einziger Treffer, und er flog wie ein nasser Sack gegen einen Baumstamm.

„Jetzt!“ zischte Leina und trat mit schnellen Schritten vor, während sie in einer alten Sprache zu murmeln begann. Licht sickerte aus ihren Händen – bläulich-weiß, mit einem leichten Goldschimmer. Aus dem Boden vor ihr wuchs ein kreisrundes Muster: ein heiliger Bannkreis, mit vier leuchtenden Punkten an den Himmelsrichtungen. Sobald die Angreifer den Kreis betraten, begann ihre Haut zu glimmen – nicht brennend, aber zersetzend, wie von innen zerkratzt.

Feriks schloss sich dem Nahkampf an. Er stürmte auf den zweiten Goblin zu, duckte sich unter einem Hieb und führte einen ungeschickten, aber kraftvollen Streich zur Seite. Das Schwert streifte die Schulter der Kreatur, schnitt nicht tief, aber ließ sie zurücktaumeln. Feriks fluchte, drehte sich um, parierte gerade noch einen Schlag mit dem Knauf.

„Halt still, verdammt!“ keuchte er, schwitzend, das Schwert schwer in der Hand.

„Hinter dir!“ rief Leina.

Zu spät – der maskierte Anführer kam aus der Deckung. Mit einem brutalen Stoß rammte er Feriks zu Boden. Das Schwert flog ihm aus der Hand. Der Golem war zu weit entfernt.

Leina hob die Arme, rief eine verstärkte Lichtwelle herab – sie traf den Maskierten an der Seite, brachte ihn kurz zum Taumeln. Das genügte. Feriks rollte sich ab, packte ein loses Messer aus seinem Gürtel, und rammte es dem Maskierten seitlich ins Bein.

Ein animalischer Schrei. Der Anführer brach zusammen – und wurde vom Golem mit einem vernichtenden Tritt endgültig ausgeschaltet.

Der Rest floh.

Zwei der Händler hatten überlebt – ein älterer Mann mit gebrochenem Arm und eine jüngere Frau mit angesengtem Rock. Sie waren bleich, zitternd, aber am Leben.

„Geht es euch gut?“ fragte Leina, ihre Stimme jetzt wieder weich.

„Dank euch, ja …“ murmelte die Frau. „Sie haben uns überfallen … wie aus dem Nichts … das ist nicht normal … nicht einfach nur Gier.“

Feriks rieb sich die Schulter, schaute zum zerfetzten Wagen. „Die Goblins waren … organisiert.“

„Und geführt von Magie,“ sagte Leina leise.


Begegnung mit der Kriegerin

Als sie sich abwandten, um nach Spuren zu suchen, näherte sich ihnen eine Gestalt aus dem Rand des Waldes. Sie kam lautlos, aber nicht heimlich – in einem schwarzen, taillierten Lederwams, das an den Schultern mit silbernen Schnallen verstärkt war. Ihre Haare waren dunkelblond, fast kupfern, zu einem geflochtenen Zopf gebunden, der bis zur Hüfte reichte. Ihre Ohren waren spitz, aber nur leicht – ein Zeichen gemischter Herkunft. Halbelfe.

Auf dem Rücken trug sie ein seltsames Schwert – ungewöhnlich lang, leicht gekrümmt, mit einem dezenten Handgriff, der für präzise Kontrolle geschaffen war. Kein westliches Breitschwert. Sondern etwas Feineres. Tödlicheres.

„Ich habe den Kampf gesehen,“ sagte sie schlicht. Ihre Stimme war ruhig, fast distanziert. „Ihr habt euch gut geschlagen. Vor allem der Golem.“

„Wer bist du?“ fragte Leina direkt, während sie den Bannkreis auflöste.

„Mein Name ist Veyla. Ich war der Karawane gefolgt. Ich habe gewusst, dass etwas nicht stimmt. Zu viele Überfälle. Zu gut geplant. Ich will nicht mehr zusehen.“ Sie trat näher, ihre Hand auf dem Schwertgriff ruhend. „Ich suche jene, die kämpfen – nicht blind, sondern mit Grund. Was immer hier die Dorfbewohner geholt hat … es wird nicht bei einem Dorf bleiben.“

Feriks musterte sie. Ihre Haltung war ruhig, aber in ihren Augen loderte ein Feuer. Kein Zorn – eher der Wille, nicht zu schweigen.

„Dann komm mit,“ sagte Leina.

Veyla nickte, als wäre diese Antwort erwartet worden.

Und so waren sie nun zu viert – der Krieger mit dem zittrigen Schwert, die Heilige ohne Tempel, der stumme Golem aus fremder Feder … und die Halbelfe mit dem Schwert, das durch Luft schnitt wie Licht durch Schatten.

Vor ihnen: ein Pfad in die Dunkelheit.
Doch nie war er klarer gewesen.

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