Der Golembeschwörer #11

 

Kapitel: Spuren im Licht des Morgens

Die ersten Sonnenstrahlen krochen schüchtern über die Dachschindeln des Dorfes, tauchten das Pflaster der Hauptstraße in ein sanftes Gold. Frühnebel hing noch zwischen den Hütten, dünn wie Schleier, durchbrochen vom kräuselnden Rauch frisch entfachter Feuerstellen. Hähne krähte in der Ferne, irgendwo plätscherte Wasser in einen Holztrog.

In der Stube des Flammenkrugs standen zwei leere Schüsseln auf dem Tisch, eine mit Brotkrumen, die andere mit Resten von Quark und Apfelstücken. Feriks trank den letzten Schluck aus seinem Holzbecher und wischte sich mit dem Handrücken den Mund. Er warf einen Blick zu Leina, die ihm gegenüber saß – in eine aufrechte Haltung versunken, die Tasse Tee scheinbar interessiert betrachtend, aber keinen Schluck nehmend. Ihre Illusion wirkte makellos. Das künstliche Glitzern in den Augen, das feine Zittern des Atems. Doch Feriks erkannte, dass sie die Szene lediglich spiegelte.

„Wir sollten alle Fäden greifen, bevor wir in den Wald gehen,“ sagte er und lehnte sich zurück. „Wenn da draußen irgendetwas ist … will ich es vorher gewusst haben.“

Leina nickte. „Ich unterstütze das. Jedes Puzzleteil könnte entscheidend sein. Beginnen wir mit dem Kräuterhändler?“

„Und vielleicht der alte Fischer am Fluss. Er weiß manchmal mehr, als er zugibt.“

„Und weniger, als er zugeben will,“ ergänzte Leina trocken.


Am Stand des Kräuterhändlers

Der Kräuterhändler Eldrin hatte seine Auslage wie jeden Morgen aufgebaut. Der Stand war aus schlichtem Holz, aber sorgfältig bemalt mit Motiven aus Ranken, Beeren und kleinen tanzenden Feen. Getrocknete Blätter, Bündel von Wurzeln und kleine Phiolen mit Öl oder Tinktur hingen an Haken, während in Körben Lavendel, Beifuß und Blutwurz ruhten.

„Ah – die beiden Fremden,“ sagte Eldrin, als sie auf ihn zukamen. Seine Stimme war rau, als hätte er zu viele Winter eingeatmet, und seine Augen waren klar wie Glas. „Schon gehört. Ihr wart bei Hegar.“

„Und heute suchen wir Informationen über die Wälder hinter dem Pass,“ sagte Feriks direkt. „Irgendetwas Ungewöhnliches in letzter Zeit? Gerüche? Spuren? Wilde Tiere? Wesen?“

Eldrin schnaufte. „Die Wälder da hinten waren schon immer … eigen. Aber in den letzten Wochen ist es schlimmer geworden. Pilze wachsen dort, wo vorher keine waren. Der Nebel wird dicker. Und ich meine, ich habe ein Flüstern gehört, als ich dort Kräuter pflücken wollte – ein altes Flüstern, nicht von Menschenlippen. Hab kehrt gemacht. Und das will was heißen.“

„Irgendwelche Geschichten von Wesenheiten? Goblins? Geister?“

„Goblins nicht. Aber Schatten mit roten Augen. Ein alter Holzfäller schwört, er habe eine Frau gesehen – mit Hörnern. Sie sei durchs Laub geschwebt. Vielleicht war’s auch nur der Schnaps. Aber zu lachen ist’s trotzdem nicht.“

Leina trat näher. „Gab es jemand anderen, der sich tiefer in den Wald wagte?“

Eldrin sah sich um, beugte sich vor. „Ein fahrender Händler ist vorgestern durchgezogen. Wollte abkürzen – hat gemeint, die Route über die Hügel sei zu lang. Seitdem hat ihn keiner mehr gesehen. Seine Frau ist gestern angekommen, um ihn zu suchen. Keine Spur. Kein Wagen. Kein Hufabdruck.“

Feriks und Leina tauschten einen ernsten Blick.

„Danke, Eldrin. Wenn wir heil zurückkommen, bring ich dir einen Strauß Schattenbrennnessel mit,“ versprach Feriks.

Der Kräuterhändler grinste. „Wenn ihr heil zurückkommt, kriegt ihr von mir ’ne ganze Flasche Hirschtalg-Hustensirup. Den guten.“


Abschied vom Dorf

Sie sammelten weitere Gesprächsfetzen ein – von der alten Näherin, die meinte, ihre Katze habe „mit etwas Unsichtbarem gefaucht“, bis zum jungen Botenjungen, der behauptete, er habe in der Nacht ein Hufgetrappel gehört, obwohl kein Reiter mehr im Dorf war.

Als sie schließlich den gepflasterten Hauptweg verließen und am östlichen Rand des Dorfes ankamen, wo die Felder langsam in Wildwuchs übergingen, wurde der Wind kühler. Der Morgen war noch jung, aber das Licht hatte diesen fahlen Schimmer, der auf Unheil hindeuten konnte – oder einfach nur auf Herbst.

Feriks zog seine Kapuze tiefer ins Gesicht, Leina ließ die Illusion ein wenig flimmern – ein Schutz gegen magische Spuren, ein Reflex mehr als ein Plan. Beide blieben stehen, als sie am hölzernen Wegweiser ankamen, der zum Wald von Embrasa zeigte.

Doch noch ehe sie den Pfad betreten konnten, hörten sie es.

Ein dumpfer Schlag. Ein ferner Schrei. Dann ein zweiter. Und das klirrende Klappern von Metall.

Sie hoben zugleich die Köpfe.

„Da hinten … über dem Hügelkamm,“ sagte Feriks und deutete auf eine Stelle, wo sich am Horizont Staub erhob. Die Sonne blendete, aber man konnte erkennen: eine Bewegung, nicht von Wildtieren – zu gezielt, zu chaotisch.

„Ein Überfall,“ sagte Leina leise. Ihre Stimme war kalt geworden. „Sie attackieren einen Wagen.“

Feriks blinzelte. „Zu viele Schatten …“

„Und zu wenig Gegenwehr.“

„Los,“ sagte er. „Wenn das der Händler ist, dann …“

Leina nickte. „Dann eilen wir.“

Und ohne ein weiteres Wort setzten sie sich in Bewegung, das Gras unter ihren Füßen weich, der Morgenwind wie ein warnendes Flüstern im Nacken.

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