Der Golembeschwörer #10
Kapitel: Rast im Flammenkrug
Die Sonne war längst hinter den Baumwipfeln verschwunden, als Feriks und Leina das Dorf wieder erreichten – jenes mit dem alten Brunnen auf dem Platz und den holzgeschnitzten Windspielen über den Türen. Die Luft war erfüllt von dem vertrauten Geruch von Rauch, frischem Brot und feuchtem Laub. Aus den Schornsteinen stiegen dünne Rauchfahnen empor, und das sanfte Flackern von Laternen beleuchtete die schmalen Gassen in warmem Gold.
Sie steuerten auf das Gasthaus "Zum Flammenkrug" zu – ein altes, aber liebevoll gepflegtes Gebäude mit roten Fensterläden und einer geschnitzten Holztafel, auf der ein Krug abgebildet war, aus dem Flammen wie Wein emporstiegen. Es war ruhig heute Abend, nur ein paar Bauern saßen drinnen, redeten leise über das kommende Wetter oder die letzten Ernten. Der Golem blieb draußen beim Stall, wo er neben dem Brunnen reglos verharrte wie ein seltsames Denkmal.
„Setzt euch ruhig, ich bring gleich was Warmes!“ rief die rundliche Wirtin ihnen zu, eine freundliche Frau mit grau melierten Haaren und Armen so kräftig wie Baumäste. Ihr Name war Breda, und sie hatte ihnen schon bei ihrer Ankunft mit einem skeptischen, aber nicht unfreundlichen Blick das Zimmer im Obergeschoss gegeben.
Feriks ließ sich auf die schwere Holzbank fallen, die Rückenlehne knarrte leise. Er stützte die Ellbogen auf den Tisch, rieb sich die Stirn.
Leina hingegen setzte sich mit geschmeidiger Ruhe, ihre Haltung aufrecht wie eine Adlige. Ihr Blick war wach, aber weich. Die Illusion um sie herum flackerte kaum wahrnehmbar – nicht für die Dörfler, aber Feriks sah es. Er sagte nichts. Er wusste, dass sie diese Maske trug, um nicht aufzufallen.
„Weißt du …“ begann er leise, während ein Krug Wasser vor ihnen abgestellt wurde, „ich frage mich, ob wir das überhaupt schaffen. Wir haben keine Spur, nur eine Rune. Keine Ahnung, wie tief diese Magie reicht.“
Leina nahm den Krug, schenkte ein, lächelte schwach – die Geste war eine Nachahmung von Menschlichkeit. „Und doch ist es mehr als vorher. Die Spur ist kalt, aber nicht verschwunden. Wir müssen sie nur neu entzünden.“
Feriks sah sie an. „Und wenn der Riss uns irgendwohin führt, wo wir nicht mehr zurückkommen?“
Leina lehnte sich leicht vor, ihre Stimme gedämpft, aber ruhig. „Dann finden wir den Weg zurück. Oder wir schaffen einen neuen. Das hast du doch immer getan.“
Er wollte etwas sagen, doch in dem Moment stellte Breda zwei dampfende Schüsseln vor sie – eine mit dickem Eintopf, der nach Linsen, Speck und Kräutern roch, dazu frisches Brot und ein kleines Schälchen mit Knoblauchbutter.
„Für euch, meine Reisenden. Und für die Dame …“ Sie sah Leina einen Moment lang forschend an, lächelte dann nur. „… habe ich das Gemüse ganz fein geschnitten. Leichter zu essen.“
Leina nickte dankend. Als Breda sich wieder entfernte, beugte sie sich leicht zu Feriks. „Ich werde nur tun, als ob. Die Illusion hält, aber der Geschmack …“ – sie verzog kaum merklich das Gesicht – „… ist nicht Teil des Zaubers.“
Feriks grinste. „Dann iss wenigstens das Brot. Oder lass es aussehen, als würdest du.“
Sie nahm ein Stück, riss es kunstvoll auseinander, und tunkte es in die Suppe. Ihre Handbewegungen waren flüssig, elegant. Der Löffel schwebte kurz zu ihren Lippen, sie tippte ihn leicht an – dann legte sie ihn wieder ab. Kein Mensch hätte es bemerkt.
Sie sprachen lange. Über Unorna. Über die Schattenanker. Über den bevorstehenden Vollmond.
„Ich glaube nicht, dass die Menschen einfach so verschwunden sind. Sie wurden gerufen – oder gezogen,“ sagte Feriks irgendwann, während er seinen Eintopf leerte. „Unorna hat von einem alten Befehl gesprochen. Was, wenn das Dorf Teil eines alten Rituals war, das erst jetzt aktiviert wurde?“
Leina runzelte die Stirn. „Oder der Anker wurde zufällig durchbrochen. Vielleicht durch … mein Wirken. Durch das Grimoire. Vielleicht war es versiegelt, und ich habe es gelöst.“
Ein Moment der Stille.
„Mach dir keine Vorwürfe,“ sagte Feriks leise. „Du hast nie aus Bosheit gehandelt.“
„Aber vielleicht aus Neugier. Und das reicht manchmal.“
Sie sah zum Fenster. Die Nacht war hereingebrochen. Draußen bellte ein Hund, und irgendwo klimperte jemand auf einer Laute. Es war eine friedliche Stille – aber die Welt dahinter war nicht in Ordnung.
„Morgen früh gehen wir den Spuren nach. Wenn die Rune reagiert, folgen wir ihr. Wenn nicht … kehren wir zu Unorna zurück.“
„Oder wir sprechen mit dem Kräuterhändler. Er kennt angeblich alte Pfade durch den Wald.“
Feriks nickte. „Gute Idee. Je mehr Fäden wir ziehen, desto eher weben sie sich zu einem Muster.“
Leina legte das Brotstück wieder ab. Sie hatte kaum etwas angerührt, aber es reichte für die Illusion. Sie lächelte schwach. „Ich brauche nicht zu schlafen. Aber ich bleibe bei dir. Falls … du nicht allein sein willst.“
Er sah sie an – dankbar, aber auch müde. „Danke. Nur … wenn ich schnarche, darfst du mich hauen.“
„Ich tue es mit Anmut.“
Sie standen auf, verabschiedeten sich von Breda, die ihnen noch zwei Decken in die Arme drückte und sagte, der Wind drehe und der nächste Tag könnte kalt werden.
Das Zimmer im Obergeschoss war klein, aber gemütlich. Zwei einfache Betten, ein kleines Fenster, eine Holztruhe. Feriks fiel beinahe in das eine Bett, ließ sich zurücksinken.
Leina stand am Fenster. Sie sah hinaus, in die dunklen Bäume.
Ein Wispern lag in der Luft. Kaum hörbar. Aber sie spürte es.
Der Wald beobachtete sie.
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