Der Golembeschwörer #10
Kapitel: Die Hexe im Wald
Die Sonne war bereits tief gesunken, als Feriks und Leina die vertraute Lichtung betraten. Die Bäume standen dichter als je zuvor, ihre knorrigen Äste wirkten wie stille Wächter, die das uralte Wissen des Waldes bewahrten. Zwischen moosbedeckten Steinen und üppigem Farn erhob sich die Hexenhütte, alt, windschief und von wilden Wurzeln umklammert. Im dämmrigen Zwielicht flackerte Licht aus dem Innern – sie war diesmal nicht leer.
Leina blieb stehen. Ihr Blick war wachsam, angespannt, und Feriks bemerkte, wie sich ihre Schultern unwillkürlich strafften.
„Da brennt Licht. Sie ist da,“ flüsterte sie. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
Feriks nickte. „Dann wollen wir hoffen, dass sie auch reden will.“
Gemeinsam traten sie vorsichtig näher. Der Golem blieb einige Meter entfernt stehen, wie ein treuer Wächter aus Stein. Leina zog leicht am Ärmel ihrer Illusionsrobe, um sicherzugehen, dass sie ihre wahre Gestalt weiter verbarg. Feriks hob die Hand und klopfte sanft an die krumme Holztür.
Es verging ein Moment, dann öffnete sich die Tür knarrend – langsam, vorsichtig – und vor ihnen stand eine gebeugte, alte Frau. Ihr Haar war silbergrau, lang und offen, wie Nebel, der über eine Wasserfläche weht. Ihre Augen hingegen waren hellgrün, fast leuchtend, mit einem Blick, der durch Menschen hindurchzugehen schien. Sie musterte die beiden mit misstrauischer Neugier.
„Hm. Besucher? Zu dieser Stunde? Seltsam … der Wald gibt seine Geheimnisse selten so leicht preis.“
Leina trat einen halben Schritt vor. „Seid Ihr Unorna? Die Hexe des Waldes?“
Ein leises Kichern, mehr ein kehliges Gurgeln, kam aus der Kehle der Alten. „Hexe nennen mich nur jene, die nichts verstehen. Die Natur selbst hat mir ihre Stimme geliehen. Also … ja. Ihr könnt mich Unorna nennen.“
Feriks verneigte sich leicht. „Wir kommen aus dem Dorf Lunaris. Die Leute dort sagten, Ihr wärt vor kurzem in einem anderen Dorf gewesen. Einem verlassenen… das fast wie versteinert wirkte.“
Unorna schnaubte. „Ah. Die Ruinen des Leeren. Ein Ort, der wie ein Atemzug der Zeit zum Stillstand kam. Ja, ich war dort. Und nein, ich bin nicht eure Führerin, nicht eure Erzählerin. Was ich weiß, ist nicht kostenlos.“
Feriks und Leina wechselten einen kurzen Blick.
„Wir sind nicht hier, um Euch zu benutzen“, sagte Leina ruhig. „Aber etwas dort ist nicht natürlich. Magie hat gegriffen – und Leben ausgelöscht. Wenn Ihr helfen könnt, wollen wir verstehen. Und helfen, falls es möglich ist.“
Unorna trat zur Seite. „Dann kommt herein. Aber sprecht mit ehrlichem Herzen, sonst hört die Hütte selbst mit.“
Sie traten in den Raum. Das Innere der Hütte war seltsam groß – größer, als es von außen wirkte. Regale voller Fläschchen, Wurzeln, Knochen und Bücher zogen sich an den Wänden entlang. Ein Kessel brodelte in einer Ecke. Rabenfedern, getrocknete Kräuter und Tiermasken hingen von der Decke.
„Setzt euch,“ sagte Unorna, ohne sich umzudrehen, während sie einen weiteren Scheit ins Feuer warf. „Sagt mir, was ihr gesehen habt. Alles.“
Feriks schilderte das Dorf. Den verlassenen Herd mit warmem Kessel. Das Essen, das noch dampfte. Werkzeuge auf dem Boden. Die Tiere, die noch da waren, doch keine Menschen mehr. Keine Blutspuren. Kein Kampf. Nur … das plötzliche Fehlen von Leben.
Unorna lauschte. Kein Wort entglitt ihr. Sie rührte nur leise mit einem Holzstab im Kessel. Als er fertig war, holte sie drei dampfende Tassen heraus – ein Kräutertrank mit scharfem, erdigen Geruch. Sie stellte sie vor sie.
„Trinkt. Das klärt den Geist.“
Leina zögerte, nahm die Tasse aber mit bedachter Hand. Feriks roch daran, verzog das Gesicht – aber trank schließlich.
Dann erhob Unorna sich langsam und ging zu einem alten, offenen Buch auf einem Podest. Ihre Augen glitten prüfend über die Seiten – dann runzelte sie die Stirn.
„Etwas fehlt …“ murmelte sie. „Es fehlt ein Band.“
Leina sah zur Seite.
Feriks runzelte die Stirn. „Welches Band?“
Unorna drehte sich langsam zu ihnen um. Ihre Stimme war fester, eindringlicher. „Eines meiner Grimoire. Ich hatte es hier gelassen, in einem Schutzkreis, versteckt. Wer auch immer es nahm, wusste nicht, was er tat. Es enthält alte Formeln der Illusion – und Hinweise auf Schattenanker.“
Feriks spürte, wie ihm das Herz in die Hose rutschte.
Leina räusperte sich. „Wenn … jemand … so ein Buch … gefunden hätte … wäre das schlecht?“
Unorna trat näher. „Das kommt darauf an. Schattenanker sind mächtige Ankerpunkte, mit denen man ganze Räume – oder Wesen – an einen Ort binden kann. Oder … fortschaffen. Wenn eine große magische Quelle … sagen wir ein uralter Anker … ausgelöst wurde, könnte das erklären, was ihr gesehen habt. Wenn jemand das Buch benutzt hätte … ohne zu wissen, was er tut …“
Sie blieb stehen. Direkt vor Leina. Ihre Augen verengten sich.
„… trägst du Magie in dir, Kind?“
Leina hielt ihrem Blick stand. „Ja.“
„Illusionsmagie?“
Ein kurzer Moment des Schweigens. Dann nickte Leina.
Unorna schloss die Augen. „Dann hast du das Buch. Es war nicht klug, es zu nehmen. Aber immerhin … ist es in den Händen einer, die versucht, zu verstehen.“
Ein langes Schweigen folgte. Dann wandte sich Unorna wieder ab.
„Ich fand Spuren. Leicht, verwischt, aber alt. Sehr alte Magie – wie eine Narbe, kaum sichtbar. Es war kein Dämon. Kein Krieg. Kein Gift. Sondern … eine Verlagerung. Die ganze Bevölkerung wurde verschoben. Wohin, weiß ich nicht. Aber etwas hat sie gerufen. Vielleicht ein uralter Befehl. Oder ein verfluchter Zauber, der nun zu wirken begann. Ich werde mehr wissen, wenn ich das Buch wiederhabe.“
Leina griff langsam in ihre Tasche und zog das Grimoire hervor. Unorna nahm es entgegen. Ihre runzligen Finger berührten vorsichtig den Einband, fast ehrfürchtig.
„Danke,“ murmelte sie. „Vielleicht seid ihr dumm gewesen … aber nicht böse.“
Feriks holte tief Luft. „Was nun? Könnt Ihr uns helfen, die Spur aufzunehmen? Die Menschen zu finden?“
Unorna nickte langsam. „Ich werde euch ein Ritual zeigen. Damit könnt ihr spüren, wo das Gewebe der Welt dünn ist. Wo Magie wie ein Riss hindurchsickert. Folgt dem. Vielleicht findet ihr sie. Vielleicht findet ihr auch mehr.“
Sie trat wieder zum Podest und blätterte durch das Buch. Dann ritzte sie eine kleine Rune in einen Lederfetzen, überreichte ihn Feriks und murmelte einige Worte, die der Wind zu verschlucken schien.
„Folgt der Rune. Wenn sie warm wird, seid ihr auf dem richtigen Weg.“
Leina und Feriks standen auf. Leina verbeugte sich leicht. „Danke, Unorna. Für euer Vertrauen.“
Die Hexe lächelte. „Geht. Bevor der nächste Vollmond kommt. Dann wird die Grenze zwischen den Orten noch schwächer … und vielleicht ist das nicht nur ein Segen.“
Kommentare
Kommentar veröffentlichen
Bitte auf die Feedbackregeln achten