Der Golembeschwörer #09
Feriks und Leina erreichten schließlich das Dorf, das auf den ersten Blick ruhig wirkte. Die Holzhäuser standen in geordneten Reihen entlang der Hauptstraße, und in der Mitte des Dorfes befand sich ein großer Platz mit einem Ziehbrunnen. Der Wind rauschte sanft durch die Blätter der alten Bäume, die am Rande der Siedlung standen, während hier und da das Lachen spielender Kinder zu hören war. Es war ein belebter, aber nicht hektischer Ort – die Menschen schienen ihrem Alltag nachzugehen.
Leina blieb für einen Moment stehen und sah sich um. Ihre Augen verengten sich leicht, als sie die Umgebung musterte. Dann flüsterte sie: "Ich... ich kenne diesen Ort. Ich bin hier schon einmal gewesen. Damals, bevor ich..." Sie hielt inne, ihre Stimme wurde leiser. "Bevor ich starb."
Feriks drehte sich zu ihr um. "Bist du sicher?"
Sie nickte langsam. "Ja. Dieses Dorf... es heißt Dornhain. Ich erinnere mich, dass wir hier Rast gemacht haben, bevor wir zu den Höhlen aufbrachen. Die Leute hier waren gastfreundlich." Sie ließ ihren Blick schweifen, als suche sie nach einem vertrauten Gesicht, doch zu viel Zeit war vergangen. "Aber es scheint, als sei niemand mehr hier, den ich kannte."
"Vielleicht können wir etwas herausfinden", schlug Feriks vor. "Nicht nur über deine Vergangenheit, sondern auch über dieses... seltsame Verschwinden im letzten Dorf."
Feriks und Leina näherten sich dem Dorf, dessen Name Leina nach und nach in ihrer Erinnerung auftauchte: Eldenwald. Es war ein kleines, aber geschäftiges Dorf, umgeben von weiten Feldern und dichten Wäldern. Die Straßen waren von festem Stein, und die Häuser aus dunklem Holz gebaut, ihre Dächer mit Stroh gedeckt. In der Mitte des Dorfes stand ein großer Marktplatz, auf dem Händler ihre Waren feilboten und Dorfbewohner miteinander plauderten.
Als sie das Dorf betraten, spürten sie die Blicke der Leute auf sich. Feriks mit seiner robusten Kleidung und den Waffen an seinem Gürtel wirkte wie ein Abenteurer, und Leina – trotz der Illusion – hatte eine Aura an sich, die Aufmerksamkeit erregte. Eine Gruppe spielender Kinder hielt inne und beobachtete sie neugierig, während eine ältere Frau mit einem Korb voller Äpfel verstohlen zu ihnen herüberblickte.
"Es ist lange her...", murmelte Leina, während sie sich umsah. "Ich erinnere mich an diesen Brunnen dort. Und den Schmied... war sein Name nicht Hegar?"
Feriks nickte und blieb an einem kleinen Stand stehen, an dem eine Frau frisches Brot verkaufte. Er kaufte zwei Laibe und nutzte die Gelegenheit, um mit ihr ins Gespräch zu kommen. "Entschuldigt, wir sind Reisende. Könnt ihr uns sagen, ob hier in letzter Zeit etwas Ungewöhnliches geschehen ist?"
Die Frau musterte ihn kurz, bevor sie mit einem freundlichen Lächeln antwortete. "Ungewöhnliches? Nicht direkt. Aber wenn ihr etwas sucht, solltet ihr mit Hegar sprechen. Er ist unser Schmied und weiß über vieles Bescheid. Ihr findet ihn in der Werkstatt am Ende der Straße."
Sie dankten ihr und setzten ihren Weg fort. Auf dem Weg dorthin blieben sie an einem kleinen Obststand stehen, wo ein alter Mann saftige Birnen verkaufte. Auch ihn fragte Feriks nach Neuigkeiten, doch der Alte winkte nur ab. "Hier in Eldenwald geht alles seinen gewohnten Gang. Wir haben unsere Ernte, unsere Arbeit, unser Leben. Aber wenn ihr wirklich etwas wissen wollt, dann fragt Hegar. Er hat viele Kontakte."
Mit jeder weiteren Person, die sie befragten, wurde es klarer: Hegar war derjenige, mit dem sie reden mussten. Schließlich erreichten sie die Schmiede. Sie war groß und aus festem Stein gebaut, mit einem breiten Schornstein, aus dem dunkler Rauch aufstieg. Das metallene Klirren eines Hammers auf Amboss hallte durch die Luft, begleitet vom Prasseln der Flammen in der Esse. Vor der Schmiede stand ein kräftiger Mann mit rußgeschwärztem Gesicht, die Arme muskulös und von Narben gezeichnet. Er schien mitten in der Arbeit zu sein, als er die beiden bemerkte.
"Hegar?", fragte Leina vorsichtig.
Der Schmied hielt inne und sah sie an. Zuerst wirkte er misstrauisch, doch dann entspannte sich sein Gesichtsausdruck. "Ihr seid nicht von hier. Was wollt ihr?"
Feriks trat vor und erklärte, dass sie nach Informationen suchten – über die Gegend, über mögliche merkwürdige Vorkommnisse. Hegar hörte zu, verschränkte die Arme und nickte schließlich langsam. "Kommt rein. Wenn ihr Fragen habt, dann stellt sie drinnen."
Er führte sie in die Schmiede, wo es nach heißem Metall und Holzkohle roch. Werkzeuge hingen an den Wänden, und auf einer Werkbank lagen unvollendete Waffen und Rüstungsteile. Feriks und Leina setzten sich auf einfache Holzstühle, während Hegar sich auf eine Kiste niederließ und sie eindringlich ansah.
"Also gut", sagte er schließlich. "Sagt mir, was genau ihr wissen wollt.".
Ein älterer Mann, der sich als Hegar vorstellte, schüttelte bedächtig den Kopf, als Feriks das Verschwinden der Menschen im anderen Dorf erwähnte. "Das klingt nach dunkler Magie, wenn Ihr mich fragt. So etwas passiert nicht einfach so."
"Habt Ihr vielleicht von ähnlichen Vorfällen gehört?" fragte Leina.
Hegar runzelte die Stirn. "Nicht direkt. Aber... es gibt da eine Hexe. Sie lebt tief im Wald. Manche sagen, sie sei weise und kenne viele Geheimnisse, andere behaupten, sie sei gefährlich. Aber wenn jemand Antworten haben könnte, dann wohl sie."
Feriks und Leina warfen sich einen vielsagenden Blick zu. Sie erinnerten sich beide an die Hütte, die sie zuvor gefunden hatten, das alte Grimoire, das sie an sich genommen hatten. "Wir kennen diesen Ort", murmelte Feriks. "Vielleicht ist sie dorthin zurückgekehrt."
Nach einer kurzen Beratung beschlossen sie, sich auf den Weg dorthin zu machen. Es gab zu viele Fragen, zu viele Rätsel, die sie nicht lösen konnten – aber vielleicht würde die Hexe ihnen helfen können. Mit diesem Gedanken verließen sie das Dorf und machten sich auf in den Wald, bereit für die nächste Etappe ihrer Reise.
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