Meine Schwester #6
Ellie wird immer schöner.
Das klingt vielleicht seltsam, aber es ist wahr. Trotz ihres Alters, trotz der stillen, dunklen Aura, die sie umgibt, scheint sie mit jedem Tag erhabener zu werden. Ihre Schönheit ist nicht die eines gewöhnlichen Mädchens, sondern etwas Anderes – etwas Faszinierendes, Unergründliches. Ihre Haut wirkt noch blasser, ihre Augen noch tiefer, und ihr Haar fließt wie schwarzer Samt um ihr Gesicht. Sie strahlt eine Eleganz aus, die nicht von dieser Welt zu sein scheint.
Aber es ist nicht nur ihr Äußeres. Ihre gesamte Präsenz hat sich verändert. Sie wirkt erwachsener, dominanter, aber nicht erdrückend – zumindest nicht für mich. Im Gegenteil, es fühlt sich an, als würde sie mich beschützen. Vor den Schatten. Vor dem, was geschieht. Vor Dingen, die ich nicht verstehe. Ich spüre es, besonders wenn ich in ihrer Nähe bin. Die Welt um mich herum scheint sich zu verschieben, als würde sie sich meinem Blick entziehen, und manchmal ... manchmal sehe ich sie so, wie Ellie sie sieht.
Diese Welt ist nicht wie unsere. Sie ist dunkel, ja, aber nicht kalt. Für Außenstehende wäre sie unheimlich, vielleicht sogar verstörend. Die Schatten bewegen sich anders, das Licht ist gedämpft, die Luft scheint zu flüstern. Doch für Ellie ist diese Dunkelheit Geborgenheit. Schutz. Sie fühlt sich dort wohl, in dieser verborgenen Welt, und wenn ich es zulasse, dann sehe ich sie mit ihren Augen. Und es macht mir keine Angst.
Aber dann ist da noch dieser Traum.
Ich habe ihn schon oft gehabt, aber er verändert sich mit der Zeit. Er fühlt sich nicht wie ein gewöhnlicher Traum an. Er ist zu intensiv, zu real.
Ellie ist in einem Wald. Sie lacht. Sie spielt mit ihren Freunden, rennt zwischen den Bäumen hindurch, ihre langen schwarzen Haare wirbeln um sie herum. Alles scheint friedlich. Ein Moment aus der Vergangenheit, vielleicht? Ein Abbild einer Zeit, in der sie noch ein normales Mädchen war.
Doch dann taucht ein Mann auf. Ein Fremder. Seine Gestalt ist undeutlich, verschwommen, wie ein Schatten, der sich nicht fassen lässt. Er kommt näher, greift nach ihr. Und dann … dann ist da nur Schmerz. Leiden. Dunkelheit.
Was genau geschieht, bleibt verborgen. Der Traum erlaubt es mir nicht zu sehen. Aber ich fühle es. Ich fühle die Angst, das Entsetzen, die Hilflosigkeit. Eine schwarze Leere verschlingt alles. Es ist, als würde Ellie in einem endlosen Abgrund versinken, ohne Hoffnung, ohne Rettung.
Doch dann – etwas verändert sich. Eine fremde Aura durchbricht die Dunkelheit. Licht. Wärme. Schutz. Sicherheit.
Ellie stürzt sich darauf zu, klammert sich daran, als wäre es das Einzige, was sie retten kann. Und dann ist der Mann fort. Einfach verschwunden. Die Dunkelheit weicht. Und Ellie … Ellie ist sicher.
Jedes Mal, wenn ich aus diesem Traum erwache, bleibt ein beklemmendes Gefühl zurück. War es wirklich nur ein Traum? Oder etwas anderes? Etwas, das tatsächlich geschehen ist? Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich: Ellie ist nicht dasselbe Mädchen wie früher. Und vielleicht war sie das auch nie.
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