Meine Schwester #5
Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an Ellie denke. Nicht so, wie man an ein Familienmitglied denkt, das man liebt und mit dem man aufgewachsen ist. Nein, es ist anders. Tiefer. Allumfassender. Es ist, als würde sie in meinem Kopf existieren, auch wenn wir getrennt sind. Manchmal ist es, als wäre sie ein Schatten in meinem Geist, eine flüsternde Stimme am Rand meines Bewusstseins. Wenn ich an sie denke, spüre ich nicht nur ihre Gegenwart, sondern auch... etwas anderes. Etwas, das schwer in Worte zu fassen ist.
Ich habe mich oft gefragt, ob sie wirklich meine kleine Schwester ist. Diese Gedanken kamen mir vor allem in den ersten Monaten nach ihrer Veränderung. Als sie mit elf Jahren plötzlich so still wurde, so anders. Als ihre Augen tiefer und dunkler wurden, als ihre Haut noch blasser wurde, als sie begann, sich schwarz zu kleiden und sich für Dinge zu interessieren, die niemand in unserem Alter verstand. Ich dachte damals, dass vielleicht ein anderes Wesen ihren Platz eingenommen hat. Dass das Mädchen, das ich als meine kleine Schwester kannte, verschwunden war und etwas Fremdes in ihrem Körper steckte.
Aber jetzt, nach all der Zeit, weiß ich, dass es Ellie ist. Denn hinter der Dunkelheit steckt sie. Sie, die mich früher immer anlachte, die mit mir im Garten spielte, die mir Bilder malte, die mich umarmte, wenn ich traurig war. Diese Ellie ist noch da. Nur... verborgen, verschleiert von einer Düsternis, die ich nicht begreifen kann. Ich habe das Gefühl, dass ich die Einzige bin, die es sehen kann. Dass ich die Einzige bin, die überhaupt noch Zugang zu ihr hat.
Vielleicht sollte ich mich endlich vorstellen. Ich habe all diese Einträge geschrieben, ohne meinen Namen zu nennen. Ich bin Sophia, Ellies große Schwester. Ich bin sechzehn Jahre alt und versuche, meine kleine Schwester zu verstehen. Oder vielleicht versuche ich nur, mich selbst zu beruhigen. Ich weiß es nicht. Ich war früher nie jemand, der viel geschrieben hat, aber seit Ellie sich verändert hat, habe ich das Bedürfnis, meine Gedanken festzuhalten. Vielleicht aus Angst, dass ich eines Tages zurückblicken werde und mir nichts mehr sicher sein kann. Dass meine Erinnerungen an sie verschwimmen, so wie sie selbst immer schwerer zu begreifen scheint.
Unsere Eltern akzeptieren, was aus Ellie geworden ist. Sie stellen keine Fragen. Sie nehmen es einfach hin, solange sie glücklich ist. "Sie hat sich eben verändert", sagen sie. "Kinder machen manchmal solche Phasen durch." Eine Phase. Ich wünschte, es wäre nur das. Ich wünschte, es wäre so einfach. Aber unsere Eltern wissen nichts von den Schatten, die sich um sie bewegen. Sie wissen nichts von dem toten Vogel, den Ellie mit einer Berührung wieder zum Leben erweckt hat. Sie wissen nichts von den dunklen Rändern in meinen Gedanken, in denen sich Ellie manchmal aufhält. Vielleicht ist es besser so.
Aber ich weiß es. Ich weiß, dass sie mehr ist als ein Mensch.
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