Meine Schwester #3

Ich weiß nicht mehr, was normal ist.

Seit einiger Zeit bemerke ich Dinge, die nicht richtig sein können. Dinge, die nicht sein dürften. Es sind keine riesigen, dramatischen Ereignisse, sondern Kleinigkeiten, die sich in den Alltag schleichen und mir das Gefühl geben, dass etwas nicht stimmt. Es fängt mit Dingen an, die man sich noch wegerklären kann. Ein Bild, das Ellie gemalt hat, auf dem dunkle, wirbelnde Formen zu sehen sind. Wenn ich daran vorbeigehe, bin ich mir sicher, dass ich etwas höre. Ein leises Flüstern, ein tiefes, kaum wahrnehmbares Raunen. Wenn ich zurückblicke, ist da nichts. Nur die Farben auf dem Papier, doch sie scheinen zu beben, als würden sie atmen.

Dann gibt es die Schatten. Nicht ihre eigenen, sondern andere. Ich habe es zuerst für einen Trick des Lichts gehalten, aber wenn ich mit Ellie in einem Raum bin, scheint es, als würden sich die Schatten anders bewegen. Sie sind tiefer, schwärzer, lebendig. Manchmal tanzen sie an den Wänden entlang, als wären sie nicht nur Reflexionen, sondern etwas Eigenes. Sie bewegen sich auch, wenn es keine Lichtquelle gibt, die sie erzeugen könnte.

Einmal saß ich nachts in meinem Bett und konnte nicht schlafen. Ich hatte das Gefühl, dass mich jemand beobachtet. Als ich mich umdrehte, stand Ellie in der Tür. Ihre dunklen Augen schimmerten im schwachen Licht. "Du solltest schlafen", sagte sie leise. Dann drehte sie sich um und verschwand in ihrem Zimmer. Doch das Komische war: Sie hatte nicht einmal das Licht angemacht, um durch den Flur zu gehen. Und dennoch hatte ich sie klar und deutlich gesehen, als wäre sie von einer sanften, unnatürlichen Dunkelheit umgeben, die leuchtete.

Ellie spricht nicht über diese Dinge. Ich habe sie darauf angesprochen, doch sie zuckt nur mit den Schultern. "Vielleicht bildest du dir das nur ein", sagt sie manchmal mit diesem sanften Lächeln, das zugleich beruhigend und beunruhigend ist. Aber ich bilde es mir nicht ein. Ich weiß, was ich sehe und höre.

Und doch... trotz all dem ist sie manchmal wieder wie früher. Manchmal kommt sie einfach zu mir, legt sich neben mich und kuschelt sich an mich, so wie früher, als sie noch klein war. Dann ist sie nur meine kleine Schwester, warm und weich und voller Vertrauen. Dann lächle ich und halte sie fest, als könnte ich sie damit davor bewahren, sich weiter in das Unbekannte zu verlieren. Vielleicht kann ich es. Vielleicht auch nicht. Aber ich werde nicht aufhören, es zu versuchen.


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