Meine Schwester #1

Früher war Ellie das lebendigste kleine Mädchen, das ich kannte. Sie hatte schulterlange, honigblonde Haare, die in der Sonne glänzten wie flüssiges Gold. Ihre Augen waren groß, hellbraun mit einem warmen Schimmer, der immer vor Freude funkelte. Sie war immer in Bewegung, immer lachend, immer voller Energie. Ellie liebte es, im Garten herumzutollen, barfuß über das Gras zu laufen und die Sonne auf der Haut zu spüren. Ihr Lachen war ansteckend, ihr Wesen strahlend. Sie war der kleine Wirbelwind unserer Familie, immer mit einem Lächeln auf den Lippen und einem neuen Abenteuer im Kopf.

Doch dann kam der Sommer, in dem sie elf wurde. Und als sie zurückkam, war nichts mehr wie zuvor.

Die Veränderung war nicht sofort offensichtlich. Zuerst dachte ich, sie wäre einfach nur müde von den Ferien, vielleicht erschöpft von all den Erlebnissen. Aber mit jeder Woche wurde es deutlicher. Ellie lachte kaum noch. Sie spielte nicht mehr draußen. Ihre bunten Kleider, die sie früher so geliebt hatte – Pastellfarben, fröhliche Muster, verspielte Röcke –, waren verschwunden. Stattdessen trug sie nur noch Schwarz. Und nicht einfach nur Schwarz, sondern tiefes, dunkles Schwarz, als wäre sie ein Schatten, der sich von der Welt abheben wollte. Lange Ärmel, selbst an warmen Tagen. Hohe Kragen. Stoffe, die fließend, aber doch schwer wirkten.

Und ihre Haare…

Ich war mir sicher, dass sie sie gefärbt hatte. Ihr honigblondes Haar war verschwunden. Jetzt war es pechschwarz, glatt wie Seide und fiel ihr bis weit über den Rücken. Ich fragte sie, ob sie es gefärbt hatte, aber sie schwieg nur oder zuckte mit den Schultern. Manchmal, wenn das Licht sie traf, wirkten sie fast unnatürlich tiefschwarz, als würden sie das Licht verschlucken, statt es zu reflektieren.

Auch ihre Augen hatten sich verändert. Sie waren nicht mehr warm und leuchtend, sondern tief und dunkel, fast undurchdringlich. Es war, als würde sie einen immer durchdringen, wenn sie einen ansah, als könne sie Gedanken lesen, Dinge erkennen, die niemand aussprechen wollte. Und ihre Haut… Sie war immer schon eher hell gewesen, aber jetzt war sie blass, beinahe porzellanartig. In Kombination mit den dunklen Haaren und der Kleidung wirkte sie wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt, wunderschön, aber auch irgendwie unnahbar.

Das Erschreckendste war ihre Stille. Früher konnte sie ununterbrochen reden, lachen, Fragen stellen, sich Geschichten ausdenken. Jetzt saß sie oft einfach nur da, versunken in Bücher, die sie vorher nie beachtet hatte. Düstere Romane mit geheimnisvollen Covern, Titel, die ich nicht kannte, aber die alle etwas Melancholisches an sich hatten. Sie schrieb auch in ein schwarzes Notizbuch, aber ich weiß nicht, was darin steht. Sie zeigt es niemandem.

Ich habe sie gefragt, was in den Sommerferien passiert ist. Ob ihr etwas zugestoßen ist. Ob sie jemanden kennengelernt hat, der sie so verändert hat. Aber sie gibt keine Antwort. Manchmal sagt sie nur: „Nichts. Ich bin nur gewachsen.“

Aber ich weiß, dass das nicht stimmt. Etwas ist passiert. Etwas, das sie verändert hat.

Ich wünschte, ich wüsste, was es war.


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