Prinzessin der Dunkelheit - Kapitel 1
Kapitel 1: Ein Leben voller Narben
Der kleine Raum, in dem Felix aufwuchs, war gefüllt mit Dingen, die Geschichten erzählten. An den Wänden hingen alte Fotos von besseren Tagen, verstaubte Regale hielten Bücher, die niemand mehr las, und die Luft roch nach Medizin und muffigen Vorhängen. Es war ein Zuhause, das von Liebe geprägt war, aber auch von Krankheit und einem nie endenden Kampf gegen das Unvermeidliche.
Felix war acht Jahre alt, als sein Vater zum ersten Mal im Rollstuhl saß. Damals verstand er nicht, warum sein Vater nicht mehr mit ihm Fußball spielen konnte. „Es ist nur vorübergehend“, hatte seine Mutter ihm gesagt, mit einem Lächeln, das mehr ihre Sorgen verdeckte, als dass es ihn beruhigte. Doch vorübergehend wurde zu dauerhaft, und das Kind, das Felix einmal war, wurde schnell erwachsen.
Gespräche in der Dämmerung
Eines Abends saß Felix am Bett seines Vaters. Die Sonne war fast untergegangen, und das warme Licht fiel durch die halb geschlossenen Vorhänge auf das Gesicht des Mannes, der ihm früher wie ein Held erschienen war.
„Papa?“ fragte Felix leise.
Sein Vater, ein Mann, der früher voller Energie gewesen war, hob mühsam den Kopf. „Ja, mein Junge?“
„Warum kannst du nicht wieder laufen? Haben wir nicht genug gebetet?“ Felix’ Stimme zitterte.
Ein Schatten huschte über das Gesicht seines Vaters. „Manchmal… manchmal können selbst Gebete nichts ändern, Felix. Aber weißt du was?“
Felix schüttelte den Kopf, die Tränen stiegen ihm in die Augen.
„Es geht nicht darum, wie stark man ist oder wie gesund. Es geht darum, was man aus dem macht, was man hat.“
Felix konnte damals nicht verstehen, was sein Vater meinte. Es fühlte sich an, als hätte ihm das Leben alles genommen, bevor er überhaupt die Chance hatte, etwas zu haben.
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Die Einsamkeit in der Schule
Die Schule war für Felix kein Zufluchtsort. Er war ein stilles Kind, eines, das lieber zeichnete oder Bücher las, als auf dem Pausenhof mit anderen Fußball zu spielen. Zuerst hatten ihn die anderen Kinder ignoriert, dann begannen sie, sich über ihn lustig zu machen.
„Hey, Felix! Zeichnest du wieder diese komischen Sachen?“ rief ein Junge eines Tages.
Felix hob nicht einmal den Kopf, doch das machte die anderen nur mutiger.
„Weißt du, warum niemand mit dir redet?“ Ein Mädchen lehnte sich über seinen Tisch. Ihre Stimme war süßlich, aber voller Spott. „Weil du seltsam bist. Keiner mag seltsam.“
Diese Worte brannten sich in sein Herz. Jedes Mal, wenn er versuchte, jemanden anzusprechen, spürte er die Distanz, die zwischen ihm und den anderen lag. Es war nicht nur ihre Ablehnung, die ihn traf – es war die wachsende Überzeugung, dass etwas mit ihm nicht stimmte.
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Eine Mutter, die trotz allem stark blieb
Zu Hause versuchte seine Mutter, ihm den Glauben an das Gute zurückzugeben. Trotz ihrer Krankheit, die sie oft zu langen Ruhepausen zwang, bemühte sie sich, immer für ihn da zu sein.
„Felix“, sagte sie eines Nachmittags, als sie gemeinsam am Küchentisch saßen, „die Welt kann manchmal grausam sein. Aber das heißt nicht, dass du auch so sein musst.“
„Aber Mama, was bringt es, nett zu sein, wenn es niemanden interessiert?“ Felix’ Stimme war bitter.
Seine Mutter legte eine Hand auf seine. „Es interessiert immer jemanden. Auch wenn du es nicht siehst. Eines Tages wird jemand dein wahres Herz erkennen, Felix. Aber zuerst musst du es selbst erkennen.“
Er nickte, aber die Worte fühlten sich hohl an. Er wollte glauben, dass sie recht hatte, doch jeder Tag fühlte sich an wie ein Beweis des Gegenteils.
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Der zerbrechliche Halt der Familie
Die Gesundheit seiner Eltern verschlechterte sich im Laufe der Jahre. Seine Mutter verbrachte immer mehr Zeit in Krankenhäusern, und Felix blieb oft allein zu Hause, während sein Vater mit Mühe versuchte, den Alltag zu bewältigen.
Eines Nachts, als Felix bereits im Bett lag, hörte er, wie seine Eltern im Wohnzimmer leise miteinander sprachen.
„Er verdient mehr, als wir ihm geben können“, sagte seine Mutter. Ihre Stimme war gebrochen, fast ein Flüstern.
„Er braucht uns“, erwiderte sein Vater. „Wir müssen durchhalten. Für ihn.“
Felix zog die Decke über seinen Kopf, um ihre Stimmen zu dämpfen, doch die Tränen ließen sich nicht zurückhalten. Er hasste das Gefühl, eine Last zu sein, und gleichzeitig wusste er, dass er ohne sie vollkommen verloren wäre.
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Die Einsamkeit eines jungen Mannes
Als Felix älter wurde, änderte sich wenig. Seine Eltern blieben der Mittelpunkt seiner Welt, doch die Mauern, die ihn von anderen Menschen trennten, wurden höher. Er versuchte, Freundschaften zu schließen, aber seine Unsicherheit und sein Misstrauen standen ihm im Weg.
„Felix, wir sollten mal was trinken gehen“, schlug ein Arbeitskollege vor, als er seinen ersten Job begann.
Felix nickte, doch als der Abend kam, sagte er in letzter Minute ab. Er hatte Angst, etwas Falsches zu sagen, Angst, wieder als „seltsam“ abgestempelt zu werden.
Die Frauen, die er ansprach, schenkten ihm selten mehr als ein höfliches Lächeln, bevor sie sich abwandten.
„Du bist nett, aber…“ war ein Satz, den er mehrmals hörte. Und jedes Mal hinterließ er eine neue Narbe.
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Der Tiefpunkt
Mit Mitte zwanzig hatte Felix sich fast vollständig zurückgezogen. Seine Eltern waren seine einzige Verbindung zur Welt, doch ihre Gesundheit verschlechterte sich rapide. Eines Abends saß er allein in seinem Zimmer und starrte auf die Wand.
„Warum ich?“ flüsterte er. „Warum muss ich immer der sein, der zurückbleibt?“
Er dachte an die vielen Male, die er sich angestrengt hatte, die Welt zu verstehen, nur um immer wieder enttäuscht zu werden. Es war, als würde ihn das Leben jedes Mal, wenn er aufstehen wollte, wieder zu Boden stoßen.
In diesem Moment fühlte Felix, wie die Hoffnung in ihm verblasste. Doch tief in seinem Inneren glomm noch ein Funken – ein Wunsch, dass es irgendwo einen Ort gab, an dem er nicht unsichtbar war.
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Kapitel 1 endet mit einem Gefühl der Leere und der leisen Hoffnung, dass ein Neuanfang möglich sein könnte, auch wenn Felix es noch nicht wusste.
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