Kapitel 3: Begegnung im Wald
Die Elfen und ihre Mission
Der Wald, in dem Felicitas gestrandet war, trug den Namen Sylvaris, ein uraltes Waldreich, das seit Jahrhunderten von den Elfen bewacht wurde. Dieser Wald war mehr als nur eine Ansammlung von Bäumen – er war lebendig. Jeder Baum, jeder Bach, jedes Tier war durch Magie mit dem Herzen des Waldes verbunden, und die Elfen betrachteten es als ihre heilige Pflicht, ihn zu beschützen.
Doch in letzter Zeit hatte sich etwas verändert. Eine seltsame Unruhe durchdrang Sylvaris. Die Tiere waren nervös, die Pflanzen schienen langsamer zu wachsen, und an manchen Stellen war die Magie des Waldes schwächer als sonst.
„Es ist, als würde etwas den Wald von innen heraus vergiften“, hatte Siryas, die Anführerin der Patrouille, erklärt, als sie ihre Gruppe an diesem Morgen versammelte.
Die kleine Gruppe bestand aus fünf Elfen, jeder mit einzigartigen Fähigkeiten und Persönlichkeiten:
Siryas, die Anführerin, war eine erfahrene Waldläuferin und Kriegerin. Sie war ernst und fokussiert, mit einer tiefen Verbindung zur Naturmagie.
Kaelor, der Schütze, war Siryas’ jüngerer Bruder. Er war leichtfüßig und sorglos, oft mit einem schelmischen Lächeln auf den Lippen, doch unter seiner lockeren Fassade verbarg sich ein scharfer Verstand.
Velara, die Magierin, war die älteste der Gruppe und trug ein tiefes Verständnis für die arkanen Geheimnisse des Waldes in sich. Sie war still und nachdenklich, doch ihre Worte hatten Gewicht.
Teylen, der Späher, war ein Einzelgänger. Er sprach selten, doch seine Adleraugen und sein scharfes Gehör machten ihn zu einem unverzichtbaren Mitglied der Gruppe.
Lynnea, die jüngste der Gruppe, war eine Heilerin in Ausbildung. Sie war noch unerfahren und oft unsicher, doch ihr Wunsch, anderen zu helfen, machte sie zu einer geschätzten Gefährtin.
Ein seltsames Gefühl
Die Elfen waren auf einer Routinepatrouille, um die Grenzen des Waldes zu sichern und nach den Ursachen der magischen Störungen zu suchen. Doch schon seit Stunden spürte Velara, dass etwas nicht stimmte.
„Siryas“, sagte sie schließlich, ihre Stimme ruhig, aber eindringlich. „Die Magie fühlt sich… unruhig an. Als ob sie von etwas Neuem berührt wurde.“
Siryas warf ihrer ältesten Gefährtin einen prüfenden Blick zu. „Neu? Was meinst du damit?“
Velara schüttelte den Kopf. „Ich kann es nicht genau sagen. Es ist, als wäre etwas Fremdes in den Wald eingedrungen. Es fühlt sich nicht feindlich an, aber es gehört nicht hierher.“
Kaelor, der ein Stück vorausging, drehte sich mit einem Grinsen um. „Vielleicht ein wandernder Mensch, der sich verlaufen hat? Sie sind immer so ungeschickt.“
„Das ist nicht lustig, Kaelor“, sagte Lynnea mit leiser Stimme. „Wenn jemand wirklich hier ist, könnte er in Gefahr sein. Sylvaris ist kein Ort für Unvorbereitete.“
„Wir sollten uns das ansehen“, entschied Siryas. „Teylen, spürst du etwas?“
Der Späher hatte bisher geschwiegen, doch nun hob er den Kopf. „Spuren, etwa einen halben Tagesmarsch entfernt. Frisch. Es könnte ein Mensch sein… oder etwas anderes.“
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Die Entdeckung
Die Gruppe folgte den Spuren, die Teylen entdeckt hatte. Es dauerte nicht lange, bis sie auf Hinweise stießen: ein provisorisches Lager, die Überreste eines kleinen Feuers und die Knochen eines Kaninchens.
Kaelor schnaubte. „Das sieht nicht nach einem erfahrenen Jäger aus. Wahrscheinlich ein Mensch.“
„Aber was macht ein Mensch so tief im Wald?“ fragte Lynnea, ihre Stirn in Falten gelegt. „Und allein?“
„Das finden wir heraus“, sagte Siryas knapp. „Bleibt wachsam. Wenn das wirklich ein Mensch ist, dürfen wir nicht vergessen, dass sie oft Ärger mit sich bringen.“
Die Gruppe bewegte sich lautlos durch den Wald, ihre Schritte so leicht, dass nicht einmal das Unterholz knackte. Velara führte die Gruppe, ihre magische Wahrnehmung wie ein Kompass.
Schließlich erreichten sie eine kleine Lichtung, und Velara hob die Hand, um die anderen anzuhalten. „Da drüben“, flüsterte sie und deutete auf eine Gestalt, die unter einem Baum saß.
Felicitas saß mit geschlossenen Augen, ihre Hände auf den Knien. Ihr Kleid war schmutzig, und ihre Haare hingen in zerzausten Strähnen herab. Sie wirkte erschöpft, doch gleichzeitig strahlte sie eine unheimliche Ruhe aus.
„Ein Mensch“, sagte Kaelor leise.
„Nein“, widersprach Velara, ihre Augen verengt. „Das ist mehr als ein Mensch.“
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Die Konfrontation
Siryas zog ihren Bogen, und die anderen folgten ihrem Beispiel. „Bleibt hier“, befahl sie und trat langsam auf die Lichtung.
Felicitas öffnete die Augen, als sie das Geräusch von Schritten hörte. Als sie die Gestalt der Elfenkriegerin sah, zuckte sie zusammen und sprang auf.
„Wer bist du?“ rief Siryas mit fester Stimme.
Felicitas hob instinktiv die Hände, um zu zeigen, dass sie unbewaffnet war. „Ich… ich weiß es nicht. Ich meine, ich bin Felicitas. Bitte, ich will keinen Ärger.“
Siryas musterte sie mit scharfen Augen. „Wie bist du hierhergekommen? Menschen wagen sich nicht so tief in unseren Wald.“
„Ich weiß es nicht!“ rief Felicitas, ihre Stimme zitterte. „Ich bin einfach… hier gelandet. Ich wollte das nicht!“
Velara trat vor und legte eine Hand auf Siryas’ Schulter. „Warte. Lass mich.“
Die Magierin schloss die Augen und konzentrierte sich, während sie leise Worte murmelte. Felicitas spürte eine seltsame Wärme, die sie einhüllte, als ob Velara ihre Essenz untersuchte.
„Sie ist nicht nur ein Mensch“, sagte Velara schließlich. Ihre Augen öffneten sich, und sie sah Felicitas mit neuer Ernsthaftigkeit an. „Da ist Magie in ihr. Alte, mächtige Magie.“
Die anderen Elfen sahen sich beunruhigt an.
„Was auch immer sie ist, sie gehört nicht hierher“, sagte Siryas schließlich. „Aber wir können sie nicht einfach laufen lassen. Wir bringen sie ins Dorf.“
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Die Gefangennahme
„Bitte, ich habe nichts getan!“ rief Felicitas, als die Elfen sie umzingelten.
„Wir können dir nicht trauen“, sagte Siryas mit kühler Stimme. „Nicht, bevor wir wissen, wer oder was du bist.“
„Es tut mir leid“, sagte Lynnea leise und sah Felicitas an. „Aber du bist in unserem Wald, und wir müssen vorsichtig sein.“
Kaelor hielt seinen Bogen gespannt, doch sein Lächeln war verschwunden. „Keine Sorge, wir tun dir nichts… solange du keinen Ärger machst.“
Felicitas fühlte sich überwältigt, doch sie wusste, dass sie keine Wahl hatte. Als die Elfen sie führten, spürte sie die Schwere ihrer Situation.
„Was bin ich hier?“ dachte sie. „Bin ich ein Eindringling? Oder… etwas, das nie hätte existieren sollen?“
Ihre Fragen würden sie weiter begleiten, doch für den Moment konnte sie nur hoffen, dass die Elfen mehr Antworten hatten als sie selbst.
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Die Ankunft im Dorf
Der Weg ins Dorf war für Felicitas eine Tortur. Die Elfen hatten ihre Hände mit magischen Fesseln gebunden, die ihr jede Möglichkeit nahmen, sich zu wehren. Sie war erschöpft, hungrig und verwirrt. Während sie zwischen den Elfen ging, spürte sie ihre Blicke – teils kühl, teils neugierig, teils voller Misstrauen.
Der Anblick des Dorfes von Sylvaris hätte sie unter anderen Umständen vielleicht in Ehrfurcht versetzt. Die Bäume dort waren riesig, und die Gebäude schienen mit ihnen verschmolzen zu sein, als wären sie aus dem Holz selbst gewachsen. Hängebrücken verbanden die Baumhäuser, und überall waren feine Details zu sehen: kunstvoll geschnitzte Muster, die Geschichten aus der Vergangenheit der Elfen erzählten, und leuchtende Runen, die ein Gefühl von Schutz und Magie vermittelten.
Doch für Felicitas war es kein Ort der Schönheit, sondern einer der Gefahr. Die Dorfbewohner, die ihre Ankunft bemerkten, blieben stehen und starrten sie an. Manche flüsterten, andere zeigten offen ihre Abneigung.
„Ein Mensch?“ hörte sie jemanden sagen.
„Nein, schau sie dir an. Sie sieht… anders aus.“
„Was hat sie hier verloren?“
Siryas hielt Felicitas fest am Arm und führte sie ohne ein Wort weiter. Als sie schließlich ein großes Gebäude erreichten, das offenbar eine Art Ratskammer war, wurde Felicitas in eine kleine, fensterlose Kammer gesperrt.
„Warte hier“, sagte Siryas knapp. „Und versuch nicht, Ärger zu machen.“
Die Tür schloss sich mit einem dumpfen Geräusch, und Felicitas war allein.
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Die Einsamkeit und die Angst
Die Kammer war karg eingerichtet – nur eine einfache Pritsche und ein Krug mit Wasser. Felicitas setzte sich auf die Bettkante und umklammerte ihre Hände. Ihre Gedanken rasten.
„Warum bin ich hier? Was wollen sie von mir?“ flüsterte sie zu sich selbst.
Die Wände schienen auf sie zu drücken, und die Erinnerungen an ihre vergangenen Traumata brachen wie eine Flut über sie herein. Sie dachte an die Einsamkeit in ihrer alten Welt, an die Ablehnung, die sie erfahren hatte.
„Es wiederholt sich alles“, murmelte sie, Tränen stiegen in ihre Augen. „Ich bin immer das Problem. Immer die, die niemand haben will.“
Sie wusste nicht, wie viel Zeit verging, doch irgendwann sank sie erschöpft auf die Pritsche. Der Hunger nagte an ihr, doch sie war zu müde, um sich zu wehren.
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Die Versammlung der Ältesten
Während Felicitas in ihrer Kammer auf Antworten wartete, versammelten sich die Ältesten des Dorfes in einem großen, von Runen beleuchteten Raum.
Siryas und ihre Gruppe standen vor einem Halbkreis aus fünf älteren Elfen, deren Erscheinung durch ihre jahrhundertealte Weisheit geprägt war.
Der Älteste von ihnen, Aerenion, saß in der Mitte. Sein Gesicht war ruhig, doch seine Augen schienen alles zu durchdringen. Rechts von ihm saß Naelith, eine Heilerin mit silbernen Haaren, die für ihre Strenge bekannt war. Links saß Tharion, ein Krieger, dessen Narben von vielen Schlachten erzählten. Neben ihnen waren Eryndor, ein Historiker, und Myrenna, eine Magierin mit tiefem Verständnis für die Magie des Waldes.
„Ihr habt einen Menschen ins Dorf gebracht“, begann Aerenion mit ruhiger, aber ernster Stimme. „Erklärt euch.“
Siryas trat vor. „Herr, sie ist kein gewöhnlicher Mensch. Wir fanden sie in einer Lichtung, allein und verängstigt. Velara spürte eine mächtige Magie in ihr. Sie gehört nicht hierher, doch sie ist nicht wie die anderen Menschen.“
Tharion runzelte die Stirn. „Wenn sie gefährlich ist, hättet ihr sie töten sollen.“
Velara trat vor, ihre Stimme ruhig, aber bestimmt. „Ich glaube, sie könnte der Schlüssel zu den Problemen im Wald sein. Ihre Magie ist alt und tief, aber sie ist unerfahren. Es wäre töricht, sie zu verurteilen, bevor wir mehr wissen.“
Naelith hob eine Hand. „Doch was, wenn sie die Quelle der Verderbnis ist? Der Wald hat sich verändert, und ihre Ankunft könnte kein Zufall sein.“
„Oder sie könnte die Antwort auf die Verderbnis sein“, warf Eryndor ein. „Die Geschichten alter Zeiten sprechen von auserwählten Helden, die in Zeiten großer Not erscheinen.“
Aerenion hörte aufmerksam zu, sein Blick blieb auf Siryas gerichtet. „Ihr habt also entschieden, sie hierherzubringen, um sie zu untersuchen?“
Siryas nickte. „Ja, Herr. Ich nehme die Verantwortung auf mich. Aber wir konnten sie nicht einfach laufen lassen. Es war zu riskant.“
Myrenna, die bisher geschwiegen hatte, lehnte sich nach vorne. „Wir sollten vorsichtig sein. Egal, wer oder was sie ist – ihre Magie könnte sowohl ein Segen als auch ein Fluch sein.“
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Die Ankunft des Waldgottes
Die Diskussion wurde plötzlich unterbrochen, als ein leuchtendes Licht den Raum erfüllte. Die Ältesten und die Elfenkrieger sprangen auf, ihre Augen geweitet vor Ehrfurcht.
Aus dem Licht formte sich eine Gestalt – eine große, schlanke Erscheinung, die halb Mensch, halb Baum zu sein schien. Ihre Haut war wie Rinde, und ihr Haar bestand aus fließendem Laub. Es war Sylvanar, der Waldgott.
„Ruhe“, sprach Sylvanar, seine Stimme klang wie das Rauschen des Windes in den Blättern. „Ich habe eure Worte gehört.“
Alle knieten nieder, ihre Köpfe gesenkt.
„Die Fremde, die ihr ins Dorf gebracht habt, ist keine Bedrohung“, fuhr Sylvanar fort. „Sie wurde von den Göttern auserwählt, um die Verderbnis zu bekämpfen, die unsere Welt bedroht.“
Aerenion hob vorsichtig den Kopf. „Herr, wie können wir sicher sein, dass sie würdig ist?“
„Die Götter wählen nicht zufällig“, antwortete Sylvanar. „Doch sie ist jung und unerfahren. Ihr müsst sie lehren, den Weg zu gehen, der ihr bestimmt ist. Gebt ihr eine Chance, sonst wird das, was ihr fürchtet, wahr werden.“
Mit diesen Worten verschwand Sylvanar, und die Stille im Raum war ohrenbetäubend.
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Felicitas wird vorgeführt
Kurz darauf wurde Felicitas aus ihrer Zelle geholt. Ihre Fesseln waren noch immer an ihren Handgelenken, und sie fühlte sich schwach und ausgelaugt.
„Was wollt ihr von mir?“ fragte sie, ihre Stimme bebend vor Angst.
„Schweig“, sagte Siryas, doch ihre Stimme war weniger hart als zuvor.
Als sie in den Versammlungsraum gebracht wurde, fühlte Felicitas die intensiven Blicke der Ältesten auf sich.
Aerenion erhob sich und betrachtete sie mit prüfenden Augen. „Du bist also die Fremde, die in unseren Wald gekommen ist.“
Felicitas nickte zögernd. „Ich… ich wollte das nicht. Ich weiß nicht, wie ich hierhergekommen bin.“
Naelith musterte sie kühl. „Du bist nicht nur ein Mensch. Was bist du wirklich?“
„Ich weiß es nicht! Ich schwöre, ich weiß es nicht!“ Felicitas fühlte, wie die Tränen in ihre Augen stiegen. „Ich bin einfach… hier gelandet.“
Aerenion seufzte. „Sylvanar hat gesprochen. Er sagt, du bist auserwählt, um die Verderbnis zu bekämpfen.“
Felicitas starrte ihn an, unfähig, etwas zu sagen.
„Du wirst lernen müssen, was das bedeutet“, sagte Velara schließlich. „Und wir werden entscheiden, ob du dieses Vertrauen verdienst.“
Mit diesen Worten wurde Felicitas zu einer anderen Kammer gebracht – diesmal nicht eingesperrt, aber unter ständiger Beobachtung. Ihre Reise hatte gerade erst begonnen.
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Fortsetzung folgt.
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