Kapitel 2: Der Übergang
Die Schatten der Dämmerung legten sich über das kleine Zimmer, in dem Felix saß. Er hatte den ganzen Tag über seinen Laptop gebrütet, ohne wirklich etwas zu tun. Seine Gedanken waren ein Chaos. Seit Wochen hatte er dieses seltsame Gefühl, dass etwas in seinem Leben fehlen würde – nicht nur die offensichtliche Leere der Einsamkeit, sondern etwas Grundlegenderes.
Seine Eltern hatten sich an diesem Abend früh zurückgezogen. Die Medikamente hatten sie müde gemacht, und Felix war allein in der stillen Wohnung. Er sah zum Fenster hinaus, wo die Lichter der Stadt flackerten wie entfernte Sterne.
„Wofür bin ich eigentlich hier?“ murmelte er.
Er wusste, dass seine Existenz sich oft wie ein Kreislauf anfühlte: aufwachen, arbeiten, nach Hause kommen, sich um seine Eltern kümmern, ins Bett gehen. Und doch… fühlte es sich falsch an, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Sie brauchten ihn, und das war das Einzige, was ihn noch antrieb.
Der Ritterschlag eines Fremden
Auf der anderen Seite der Welt – oder besser gesagt, in einer anderen Welt – war zur gleichen Zeit das Königreich Elenor in Bewegung. Die mächtigen Türme des königlichen Palastes ragten über die Hauptstadt hinaus, erstrahlten in der letzten Sonne des Tages und zeugten von der Stärke und dem Stolz des Königreichs.
Doch in den Hallen des Palastes herrschte keine Feierlaune.
„Eure Majestät, die Monsteraktivitäten nehmen weiter zu“, berichtete ein ernster General, der vor dem Thron kniete.
König Aldor, ein Mann mit silbernem Haar und tiefen Sorgenfalten, nickte schwerfällig. Neben ihm saß Königin Ilena, deren grüne Augen vor Entschlossenheit leuchteten.
„Die alten Prophezeiungen sprechen von einem Helden, der in der dunkelsten Stunde gerufen wird“, sagte der König, seine Stimme leise, aber fest.
„Und diese Stunde ist jetzt“, fügte die Hohepriesterin hinzu. Die Frau, die eine Robe aus reinem Weiß trug, hielt ein antikes Buch in den Händen, das von einer seltsamen Energie zu glühen schien.
Die Vorbereitung zur Beschwörung
In den unterirdischen Katakomben des Palastes, einem Raum, der seit Jahrhunderten nicht betreten worden war, bereiteten sich die mächtigsten Magier des Königreichs auf ein Ritual vor. Die Luft war schwer von Magie; leuchtende Runen bedeckten den Boden, und die magischen Kristalle, die den Raum erhellten, pulsieren wie das Herz eines lebenden Wesens.
„Ist alles bereit?“ fragte der Obermagier.
Die Priesterin nickte. „Es gibt keine Garantien, aber das Ritual sollte uns den Helden bringen, den wir brauchen.“
Die Magier begannen zu singen, ihre Stimmen verschmolzen zu einem uralten Chant. Die Runen begannen, in einem intensiven Licht zu glühen, und ein magischer Kreis öffnete sich in der Mitte des Raumes.
Die Störung
Doch etwas ging schief.
Die Luft begann zu vibrieren, und ein schriller Ton durchdrang den Raum. Die Magier stolperten zurück, ihre Augen vor Entsetzen geweitet.
„Das darf nicht passieren!“ rief einer von ihnen, doch es war zu spät.
Etwas – oder jemand – hatte das Ritual unterbrochen. Statt eines strahlenden Helden, der vor dem Kreis erscheinen sollte, entstand ein Sturm aus reiner magischer Energie. Die Priesterin schrie, als die Energie sie zurückwarf.
In diesem Moment, irgendwo in einer kleinen Wohnung in einer anderen Welt, wurde Felix von einem seltsamen Licht eingehüllt.
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Felix' letzter Moment auf der Erde
Das Licht begann harmlos. Es war ein flüchtiges Flackern, kaum mehr als ein Widerschein, doch es wurde schnell stärker. Felix, der immer noch am Fenster saß, bemerkte es aus dem Augenwinkel.
„Was zum…?“ Er drehte sich um, doch bevor er etwas tun konnte, verschlang ihn das Licht.
Er spürte, wie sein Körper schwerelos wurde, als würde er in einen bodenlosen Abgrund gezogen. Doch das Licht war nicht kalt oder beängstigend – es war warm, beinahe beruhigend.
„Ist das… das Ende?“ dachte er. Ein seltsamer Friede überkam ihn, und für einen Moment glaubte er, dass der Schmerz seines bisherigen Lebens endlich vorbei war.
Doch dann wurde das Licht intensiver, und das Gefühl der Schwerelosigkeit wich einem Schwindel, als hätte ihn eine gigantische Hand durch Raum und Zeit geschleudert.
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Die Ankunft
Felix erwachte mit einem Ruck. Der Geruch von feuchter Erde und altem Moos erfüllte seine Nase. Die Luft war kühl, und das Zwitschern von Vögeln mischte sich mit dem Rascheln der Blätter.
Er öffnete die Augen und sah… einen Wald. Die Bäume um ihn herum waren hoch und dicht, ihre Kronen ließen nur wenig Licht durch.
„Was… ist das hier?“ murmelte er. Doch es war nicht seine Stimme, die er hörte. Sie war höher, sanfter – fast melodisch.
Er sah an sich herab und stockte. Das war nicht sein Körper. Statt seiner abgetragenen Jeans und dem alten Hoodie trug er ein elegantes schwarzes Kleid, gespickt mit Rüschen und Spitzen, das beinahe wie aus einem Gothic-Fantasy-Film wirkte.
Seine Hände – nein, ihre Hände – waren schmal und elegant, die Finger lang und makellos. Sie fuhr mit den Fingern durch ihr Haar und spürte glattes, seidiges Haar, das bis zu ihren Hüften reichte. Als sie ein Bündel weißer Strähnen zwischen die Finger nahm, spürte sie, wie ihre Brust enger wurde.
„Was ist hier passiert?“
Sie stolperte zu einer kleinen Pfütze, deren Oberfläche still genug war, um als Spiegel zu dienen. Das Gesicht, das sie anblickte, war nicht ihres – es war das einer jungen Frau mit blasser Haut, scharlachroten Augen und weißem Haar, das im Licht des Waldes beinahe leuchtete.
„Das… das bin nicht ich!“ rief sie und wich von ihrem eigenen Spiegelbild zurück.
Doch während Panik in ihr aufstieg, spürte sie etwas anderes – eine Kraft, die in ihr loderte, wie ein Funken, der darauf wartete, entzündet zu werden.
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Die Ruinen der Heldenbeschwörung
Im Königreich herrschte Chaos. Die Magier und die Priesterin standen hilflos vor den Überresten ihres Rituals.
„Das darf nicht sein“, flüsterte die Priesterin.
„Was ist passiert?“ fragte der König, der mit der Königin und mehreren Wachen den Raum betreten hatte.
„Etwas… oder jemand… hat die Beschwörung gestört“, sagte der Obermagier. „Der Held wurde nicht hierhergebracht.“
Die Priesterin sank auf die Knie. „Die Prophezeiung… wir haben versagt.“
Doch während die Menschen glaubten, die Beschwörung sei fehlgeschlagen, begann Felicitas – so würde Felix sich bald nennen – ihren ersten Schritt in eine Welt, die sie nicht verstand, aber die vielleicht der Ort war, an dem sie endlich Bedeutung finden
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Felicitas’ neue Welt war wunderschön und zugleich furchteinflößend. Der Wald erstreckte sich in alle Richtungen, eine grüne Kathedrale aus hohen Bäumen, deren Kronen das Sonnenlicht wie Buntglasfenster filterten. Doch die Schönheit des Waldes konnte die plötzliche Einsamkeit, die auf ihr lastete, nicht mildern.
Die erste Nacht
Die Dämmerung setzte schnell ein, und mit ihr kam die Kälte. Felicitas hatte weder Schutz noch Nahrung. Sie zog die Knie an ihren Körper, um Wärme zu finden, und lehnte sich gegen einen Baumstamm.
„Was passiert hier?“ flüsterte sie, ihre Stimme kaum hörbar in der Stille des Waldes.
Die Erinnerung an das Licht, das sie verschlungen hatte, und an ihren neuen Körper war noch frisch. Sie betrachtete ihre Hände, die so fremd wirkten, aber sich gleichzeitig so stark anfühlten. Sie versuchte, sich auf ihren Atem zu konzentrieren, doch die Stille des Waldes ließ Raum für Gedanken, die sie seit Jahren zu verdrängen versuchte.
Sie dachte an die Nächte, die sie als Kind allein in ihrem Zimmer verbracht hatte, während ihre Eltern zu schwach waren, um sie zu trösten. An die Stimmen ihrer Mitschüler, die sie verspotteten. An die Frauen, die sie abgewiesen hatten.
„Vielleicht… vielleicht ist das meine Strafe“, sagte sie zu sich selbst.
Die Dunkelheit wuchs dichter, und Felicitas fühlte, wie die Einsamkeit sie einholte. Ein leises Rascheln ließ sie zusammenzucken, und sie spürte, wie ihr Herz raste.
„Reiß dich zusammen“, flüsterte sie und zwang sich, die Augen zu schließen. Doch die Nacht war lang, und der Schlaf kam nicht.
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Der erste Morgen
Als die Sonne schließlich durch die Baumkronen brach, fühlte Felicitas sich wie gerädert. Sie war steif vom Schlafen auf der nackten Erde, und ihr Magen knurrte laut.
„Okay… überleben. Ich muss überleben.“
Sie zwang sich, aufzustehen, und begann, die Gegend zu erkunden. Ihre Schritte waren vorsichtig, denn jedes Knacken eines Astes ließ sie innehalten. Doch bald bemerkte sie etwas Merkwürdiges: Ihr neuer Körper war leichter, geschickter. Sie konnte schneller laufen, ihre Sinne waren geschärft.
„Vielleicht ist das… ein Vorteil?“ Sie spürte den Anflug eines Lächelns, doch es verschwand schnell. „Ein Vorteil… in einer Situation, die ich nie wollte.“
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Der Hunger
Nach Stunden des Wanderns fand Felicitas einen kleinen Bach. Sie kniete sich hin und trank hastig das klare Wasser. Es war das erste Mal seit ihrer Ankunft, dass sie sich für einen Moment sicher fühlte.
Doch der Hunger blieb.
„Ich brauche Essen…“ Ihre Stimme zitterte, und sie fühlte, wie Verzweiflung sie überkam. Sie wusste, dass sie ohne Nahrung nicht lange durchhalten würde, doch die Vorstellung, etwas zu töten, ließ sie zurückschrecken.
Sie fand schließlich einige Beeren an einem Strauch, doch als sie sie essen wollte, zog sie ihre Hand zurück. „Was, wenn sie giftig sind?“
Ihre Augen suchten den Wald ab. Sie war allein, und niemand würde sie warnen oder retten.
„Ich habe keine Wahl“, murmelte sie schließlich und aß vorsichtig eine der Beeren. Sie schmeckten säuerlich, aber nicht unangenehm. Sie wartete einige Minuten, um sicherzugehen, dass ihr nichts geschah, und aß dann mehr.
Doch die Beeren waren nicht genug. Ihr Magen knurrte weiterhin, und die Schwäche ließ nicht nach.
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Der erste Jagdversuch
Am Nachmittag sah sie zum ersten Mal ein Tier. Ein kleines Kaninchen hoppelte aus dem Gebüsch, unwissend, dass es beobachtet wurde. Felicitas spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Ich muss es tun“, flüsterte sie, doch ihre Hände zitterten.
Sie fand einen spitzen Stein und näherte sich langsam. Ihr neuer Körper war so leise, dass das Kaninchen sie erst bemerkte, als es zu spät war. Mit einem gezielten Stoß traf sie das Tier, und es fiel regungslos zu Boden.
Felicitas starrte auf das Kaninchen, ihre Hände blutverschmiert. Ihr Atem ging schnell, und Tränen stiegen ihr in die Augen.
„Es tut mir leid…“ Ihre Stimme brach. „Es tut mir so leid…“
Sie ließ sich neben dem Tier auf die Knie fallen, unfähig, es länger anzusehen. Die Schuld drückte schwer auf ihr Herz, und sie fühlte sich, als hätte sie einen Teil von sich selbst verloren.
Doch der Hunger zwang sie, weiterzumachen. Sie dachte an die Geschichten, die sie in Büchern gelesen hatte, und versuchte, das Tier so gut wie möglich zu häuten und das Fleisch zu garen. Es war eine grausame, schmerzhafte Erfahrung, die ihr jeden Bissen schwer machte.
„Das bin nicht ich“, flüsterte sie, während sie aß. „Ich wollte das nie…“
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Die Einsamkeit und die Gespräche mit sich selbst
Die nächsten Tage waren geprägt von Überleben. Felicitas lernte, Feuer zu machen, indem sie Funken mit Steinen schlug. Sie fand essbare Pflanzen und schärfte ihre Sinne, um Gefahren frühzeitig zu erkennen.
Doch die Einsamkeit blieb ihr ständiger Begleiter.
Eines Nachts, als sie vor einem kleinen Lagerfeuer saß, sprach sie zum ersten Mal laut zu sich selbst.
„Also, was jetzt? Will ich überhaupt zurück? Gibt es überhaupt etwas, wohin ich zurückkehren will?“
Ihre eigenen Worte hallten im stillen Wald wider. Sie dachte an ihre Eltern und fragte sich, ob sie noch lebten oder ob sie dachten, dass sie tot sei.
„Vielleicht ist das besser so…“
Doch ein Teil von ihr kämpfte gegen diese Gedanken.
„Nein! Hör auf, so zu denken! Sie brauchen mich. Ich… ich muss einen Weg finden, zurückzukommen.“
Sie blickte in die Flammen und sah die Gesichter ihrer Eltern, ihre gebrechlichen Körper, ihre müden Augen. Tränen liefen über ihre Wangen.
„Aber was, wenn ich zurückkomme und alles gleich bleibt? Ich war immer allein. Niemand wollte mich… vielleicht ist das meine zweite Chance.“
Die Selbstgespräche halfen ihr, den Schmerz zu lindern, doch sie vertieften auch die Einsicht, wie verloren sie war.
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Eine neue Stärke
Mit jedem Tag lernte Felicitas, ihren neuen Körper besser zu verstehen. Ihre Bewegungen waren präzise, ihre Sinne scharf. Sie entdeckte, dass sie Magie wirken konnte, wenn sie sich konzentrierte – kleine Flammen entzünden, eine Wunde heilen.
„Vielleicht bin ich wirklich… anders“, flüsterte sie. Doch der Gedanke, dass dies alles ein Zufall oder ein Fehler war, ließ sie nicht los.
Während sie durch den Wald wanderte, spürte sie, dass sie stärker wurde – körperlich und geistig. Doch die Schatten ihrer Vergangenheit waren nie weit entfernt.
Fortsetzung folgt.
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